Zum Tode von Carola alias Karl-Heinz Zech †

Traueransprache für Karl-Heinz Zech am 13. 11. 2008

Von Pastor Hans-Jürgen Meyer

Liebe Trauergemeinde,
liebe Freundinnen und Freunde von Karl-Heinz,
lieber Werner,
als wir uns am Samstag in der Barkarole getroffen haben, - Achim war auch dabei; er hat mir dankenswerterweise viele Informationen zukommen lassen - da haben wir gemeinsam einen Spaziergang durch den Garten der Erinnerung gemacht, sind den Spuren der Liebe gefolgt, die Karl-Heinz geprägt und die er hinterlassen hat. Einiges von dem, was ihr mir erzählt habt oder was andere aufgeschrieben haben und einiges, was ich aus eigener Wahrnehmung weiß, möchte ich jetzt weitergeben.

Wie oft haben wir die fünf Stufen überwunden, geklingelt und sehnsüchtig darauf gewartet, dass Karl-Heinz das kleine Kläppchen in der fest verschlossenen Panzertür öffnete, um in Augenschein zu nehmen, ob da auch liebsame Gäste um Einlass bitten; und da wir zu denen gehörten, die erwünscht waren, öffnete sich die Eingangstür und wir schätzten uns glücklich, wieder einmal in seinem Reich zu sein. Eine kleine, plüschige, aber sehr gemütliche Kneipe. An den Wänden hängen unzählige Bilder von schönen Frauen, die keine sind. Die meisten zeigen Carola – vor vielen Jahren. Ich möchte euch einladen, noch einmal einzutauchen in eine Welt voller Glanz, aber auch in eine Vergangenheit, die von Kriegsjahren geprägt war.

"Carola - ein Lindener Kind aus Wanne-Eickel", so lautet eine der vielen Schlagzeilen, die er später gemacht hat. Dort geboren und aufgewachsen kam er dann, wie das Leben eben so spielt, in jungen Jahren mit seinen Eltern und seiner Schwester nach Hannover und begann hier seine großartige Karriere. Mit großem Vergnügen nannte er immer seinen Geburtsort, denn 1962 kam die Hymne von Wanne-Eickel heraus: das Lied wurde von Friedel Hensch und den Cypries gesungen: "Der Mond von Wanne-Eickel".

"Nichts ist so schön
wie der Mond von Wanne-Eickel,
die ganze Luft ist erfüllt von ewigem Mai
und jede Nacht,
am Kanal von Wanne-Eickel
ist voller Duft wie die Nächte von Hawaii
".

Karl-Heinz als gelernter Auto-Elektriker begann seine künstlerische Laufbahn 1947 am Thalia-Operettentheater, gegenüber der Hanomag. Hannover lag in Schutt und Asche, die Zeiten waren alles andere als leicht. Karl-Heinz wollte singen, tanzen und schauspielern. Diesen Traum hat er sich durch viel Fleiß verwirklicht.

1949 bestand er die Eignungsprüfung beim Staatstheater Hannover. In dieser Zeit besteht er eine weitere Prüfung, die für sein weiteres Leben sehr wichtig ist: er erkennt und akzeptiert sein Schwulsein. Sein Vater, ein "strenger, aber gerechter" Polizist, schwieg über die Situation hinweg.

Carola feierte als Tänzer und Chorsänger seine ersten Erfolge in der lokalen Kabarettszene. Die wurde ihm jedoch bald zu eng. Er wollte aus Hannover weg, in Paris Karriere machen. Es war ein sonniger Tag im Juli 1952. Da radelte Karl-Heinz nach Paris. Nach einigen Tagen war er am Ziel seiner Träume: im Varieté "Madame Arthur". Er, der sich immer gern als Frau verkleidet hat, war einer der ersten deutschen Travestiekünstler in der französischen Hauptstadt ... Aus Carola wurde "Caroline Duprés" und "Gloria Goldin".

Die Show, das war seine Welt. Hier traf er Kollegen aus ganz Europa und stellte eine Show der Extraklasse auf die rasierten Beine. Es war die Zeit der großen Revuen, Damenimitatoren waren gefragt.

Interessant finde ich, was Karl-Heinz auch kritisch zu dieser Zeit angemerkt hat und die Frage ist berechtigt, ob es heute wirklich diesbezüglich sehr viel besser ist: "Zuhause zeigten die Nachbarn mit dem Finger auf mich, auf die Fummeltrine, und auf der Bühne bekam ich dafür sogar Applaus. Das war in Paris nicht anders als in Hannover. Nachts haben uns die Leute in den Himmel gehoben und am Tage machten sie um uns einen Bogen".

Das "Madame Arthur" wurde für Karl-Heinz zum Sprungbrett. Ob die "Colibri-Bar" in Frankfurt oder das "Eldorado" in Berlin – fortan klapperte er alle großen Varietés ab.

"Irgendwann" - so Orginalton Karl-Heinz, "hatte ich einfach keine Lust mehr, mir die Haare auf der Brust zu rasieren". 1972 nimmt Karl-Heinz Abschied von der Bühne und zieht sich in das Haus seiner Eltern zurück. In dem Haus, in dem seine Mutter bis 1964 einen Lebensmittelladen betrieben hat, eröffnet er mit 40 Jahren die kleine Kneipe in Linden, "Barkarole", die sich als Treff nicht nur für die Lindener Schwulenszene etablierte.

Im Februar 2002, Karl-Heinz ist inzwischen 70 Jahre jung, feierte er aus ganz besonderem Anlass: Die Barkarole – Hannovers älteste Schwulenkneipe – feierte ein rundes Jubiläum: 30 Jahre waren seit dem Eröffnungstag vergangen, und es war immer noch Karl-Heinz, der in der Barkarole die Regie führte. Damals waren es 30 Jahre, heute sind es inzwischen 36 Jahre; solange einen Laden zu führen, das muss man mit Respekt anerkennen, das hat noch keiner geschafft!

"Wer hätte gedacht", so Karl-Heinz in einem Zeitungsinterview, "dass ich mich dreißig Jahre auf diesen zwei Quadratmetern bewege?". Gemeint war natürlich die Fläche hinter dem kleinen Tresen.

An der Theke, seinem Lieblingplatz, findet man den Spruch: "Im Himmel gibt´s kein Bier, drum trinken wir es hier". Aber es gab nicht nur Bier, auch die Runde Korn durfte nicht fehlen, oftmals wurde sie von Karl-Heinz spendiert. Doch wir Gäste kamen ja nicht nur, um unseren Durst zu löschen, wir liebten den Menschen Karl-Heinz, seinen Humor und seine Unterhaltungskunst, die er meistens nach dem dritten Korn zum Besten gab. Ja, er liebte das Rezitieren, denn schließlich musste man den Männern ja was bieten.

Eine kleine Anekdote möchte ich dann doch vortragen, die Karl-Heinz gern zum Besten gab:

"Der Lehrer in der Schule sprach über dies und das:
zum Laufen sind die Füße, zum Riechen ist die Nas´.
Da sprach der kleine Fritze:
"Herr Lehrer das stimmt nicht –
bei meinem Vater läuft die Nas´
und riechen tun die Füß´"!
"

Und mit der Musik war das auch so eine Sache, 5000 Schellack-Platten wollten schließlich gehört werden; und wie sagte Werner beim Vorgespräch recht treffend: die Musik war zum Gesicht passend, eben schön alt.

Es waren schöne Zeiten, die wir mit Karl-Heinz in der Barkarole erlebt haben. Wir kamen stets als Freunde und gingen so manches mal besoffen.

Lieber Werner,
1985 tauchtest Du auf im Leben von Karl-Heinz, ihr habt euch in der Burgklause kennengelernt, wo man eigentlich, wie du gesagt hast, niemanden kennenlernen kann, und, obwohl die "beiden Hilden" euch für eure Beziehung nur zwei Wochen gegeben hatten, hat eure Beziehung nunmehr 23 Jahre durch dick und dünn gehalten.

Seit seiner Erkrankung vor zwei Jahren hast du Karl-Heinz besonders tapfer beiseite gestanden. In dieser Situation war es für Karl-Heinz gut, einen Menschen wie dich und Freunde zu haben. Es waren liebe Menschen um ihn herum, die geholfen und mit getragen haben.

Lieber Werner,
ein schweres, aber schönes Erbe lastet jetzt auf dir, aber Du bist bereit es anzutreten, wenn du im neuen Jahr die Barkarole wieder öffnest, und es liegt an uns, die kleine Kneipe wieder mit Leben zu füllen, auch wenn der Regiestuhl von Karl-Heinz für immer leer bleibt.

Trauerandacht für Carola und Beerdigung

Fotos: Christian-Alexander Wäldner

[ Zum Abschnitt "Barkarole" in meiner Seite zur Stadtführung durch Hannover ]

[ Zur Bildseite zur Barkarole (= Anlage zum Stadtrundgang) ]

[ Zur Trauerseite zu Carola in der Webseite "www.barkarole.de" von Achim Fischer (Externer Link) ]

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© Bernd König & VEHN e.V. & HuK Hannover e.V. 16.11.2008 - letzte Änderung am 09.12.2008