Nach meinem Artikel in Homoluja Nr. 71 (März - Sept. 2000), S. 54 - 58 IN MEMORIAM UDO KELCH †
|
![]() Oben: Blick zur Goldelse hinauf |
(Im Originalartikel aus dem Jahre 2000 hatte ich eingangs ein paar Worte zu meinen Besuchen als Gast bei der Berliner HuK gesagt.) ... Vor allem berichtenswert ist jedoch ein von Udo Kelch geführter Stadtrundgang durch Berlins schwul-lesbische Geschichte ein paar Wochen davor. Dazu trafen wir uns - leider bei leicht bedecktem Himmel - an der Siegessäule, also schräg gegenüber Berlins populärstem schwulen Cruising-Areal. ![]() |
||
![]() |
![]() Ein Teil unserer Gruppe unter Führung von Udo Kelch † an der Siegessäule |
||
Schlachtenrelief |
![]() Relief Marschierende |
||
Die Reliefs am Sockel der Siegessäule erzählen zwar vaterländisch-heroische Geschichte des 19. Jahrhunderts, sind aber auch für unsereins nicht ganz uninteressant. So sehen wir darauf nicht nur marschierende Soldaten, Verwundete, die von Kameraden versorgt werden oder sich liebevoll gegenseitig stützen - nein, auch mit der Abbildung sich küssender Männer hatte man damals offenbar keine Probleme. Udo referierte sehr detail- und kenntnisreich über die Hintergründe und Bedeutung der einzelnen Szenen. Neu für mich war allerdings, dass die Siegessäule sich erst seit der NS-Zeit überhaupt an dieser Stelle befindet. Sie war von den Nazis als ein markanter Punkt in der noch heute mit der Straße des 17. Juni, dem Brandenburger Tor und "Unter den Linden" bestehenden und herausragenden West-Ost-Achse der Stadt geplant, die ja mit einem gigantischen Kuppelbau gekrönt werden sollte. Aus Berlin hätte dann "Germania" werden sollen. |
|||
|
|||
Doch kommen wir vom Macht- und Größenwahn der Nazis wieder ins demokratische Berlin von heute zurück: Dazu mussten wir die von der Goldelse bekrönte Siegessäule, zugleich Namensgeberin des älteren der beiden Berliner schwul-lesbischen Stadtmagazine, erst einmal im Rücken lassen - Zeit für einen Aufstieg war nicht eingeplant. |
|||
![]() UDO KELCH † (rechts) mit seinem Manuskript |
![]() Die Gruppe bricht auf |
||
|
![]() Schloss Bellevue |
||
![]() |
![]() Am Magnus-Hirschfeld-Denkmal |
||
|
|
|||
![]() Das Kanzleramt im Rohbau |
![]() |
||
|
Zwischen dem Hirschfeld-Denkmal und dem [mittlerweile längst vollendeten und "in Betrieb befindlichen"] Neubau des Kanzleramtes liegt das Haus der Kulturen der Welt, besser bekannt als ehemalige Kongresshalle, im Berliner Volksmund "Schwangere Auster" genannt. Hier fand gerade zu dieser Zeit eine sehr sehenswerte Ausstellung über Alexander von Humboldt (1769-1859) statt, weitgereister Naturforscher und zusammen mit seinem (heterosexuell veranlagten) Bruder Wilhelm Mitbegründer der Berliner Universität. Die Ausstellung besuchte ich dann tags darauf. Sie zeigte ihn nicht nur als den großen Wissenschaftler und letzten Universalgelehrten, sondern auch als politischen Menschen, der sich - seiner Zeit oft weit voraus - weltweit für Toleranz und Menschenrechte engagierte. Auch dafür, hauptsächlich aber zum ständigen Gedankenaustausch mit den damals führenden Wissenschaftlern aller Fachgebiete betrieb er seine ungeheure Korrespondenz mit allein ca. 50.000 von ihm selbst geschriebenen Briefen. Die Ausstellungsmacher sahen in diesem "Netzwerk des Wissens", in dessen Mittelpunkt A. von Humboldt stand, eine Art Vorläufer des Internet und gaben daher der Ausstellung den entsprechenden Untertitel. Wie der Texter des Hirschfeld-Denkmals vermieden auch sie allerdings peinlichst das Wörtchen schwul, ohne aber direkt etwas zu verschleiern oder zu verfälschen. Der ahnungslose Besucher dürfte sich bei aufmerksamer Lektüre der umfangreichen Erläuterungen dadurch nur ab und an gewundert haben, z.B. hinsichtlich der Beziehung zwischen Humboldt und seinem Lebensabschnittsgefährten, dem Botaniker Aimé Bonpland. |
|||
|
|||
![]() |
|
||
|
|
|||
|
|||
|
Von dort aus besuchten wir noch die Ausstellung "Topographie des Terrors" in den Resten des Kellers der ehemaligen Gestapo-Zentrale, der früheren Kunstgewerbeschule neben dem Martin-Gropius-Bau. Hier, gegenüber vom ehemaligen Preußischen Abgeordnetenhaus, das nach dem Kriege zu Ostberlin gehörte, steht auch noch ein Stück der Berliner Mauer. Wir waren dabei an dieser Stelle vom Schleiermacher-Haus her wieder in den ehemaligen Westen Berlins gekommen, den wir beim Brandenburger Tor verlassen hatten. Im Gestapo-Hauptquartier waren natürlich auch wiederholt verfolgte Schwule inhaftiert, verhört und gefoltert worden. Dass das in der Ausstellung und im zugehörigen Katalog überhaupt erwähnt wird, ist nur dem massiven Einspruch verschiedener Berliner Schwulengruppen zu verdanken. Sonst wäre unsere Häftlingsgruppe wieder einmal totgeschwiegen worden. Die Darstellung ist allerdings nur sehr knapp und allgemein: Anders als z.B. bei den politisch Verfolgten erfahren wir nichts über einzelne Opfer und ihre Schicksale.
|
|||
Ecke des Gropius-Baus (links), Teil des Preußischen Abgeordnetenhauses und der "Topographie des Terrors" im Vordergrund |
![]() Preußisches Abgeordnetenhaus [heute Abgeordnetenhaus von Berlin], Rest der Berliner Mauer und Ausschnitt der "Topographie des Terrors" |
||
Die Gedenkstätte "Topographie des Terrors" |
![]() Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin-Kreuzberg |
||
|
Nach dieser eher bedrückenden Station klang unsere (gar nicht so) kleine Wanderung durch die neue alte Hauptstadt mit einer fröhlichen (Doppel-) Geburtstagsfete in der architektonisch bemerkenswerten, sehr hochstrebenden Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg aus. |
|||
|
|