Schwulenhistorische Stadtwanderung(en) durch Berlin I







   Eine Stadtwanderung "auf lesbisch-schwulen Spuren" mit der HuK Berlin   

Nach meinem Artikel in Homoluja Nr. 71 (März - Sept. 2000), S. 54 - 58
und im HuK-Info Nr. 136 (April - Juni 2000), S. 6 - 7 (ohne meine Fotos)

(Diese Wanderung hatte am Samstag, den 24. Juli 1999, stattgefunden.)

IN MEMORIAM UDO KELCH †

Von Bernd König

Siegessäule

Oben: Blick zur Goldelse hinauf

(Im Originalartikel aus dem Jahre 2000 hatte ich eingangs ein paar Worte zu meinen Besuchen als Gast bei der Berliner HuK gesagt.) ... Vor allem berichtenswert ist jedoch ein von Udo Kelch geführter Stadtrundgang durch Berlins schwul-lesbische Geschichte ein paar Wochen davor. Dazu trafen wir uns - leider bei leicht bedecktem Himmel - an der Siegessäule, also schräg gegenüber Berlins populärstem schwulen Cruising-Areal.

Großer Stern mit Fußgängerunterführung
Basis der Siegessäule Ein Teil unserer Gruppe unter Führung von Udo Kelch † an der Siegessäule

Ein Teil unserer Gruppe unter Führung von Udo Kelch † an der Siegessäule

Schlachtenrelief

Schlachtenrelief

Relief Marschierende

Relief Marschierende

Die Reliefs am Sockel der Siegessäule erzählen zwar vaterländisch-heroische Geschichte des 19. Jahrhunderts, sind aber auch für unsereins nicht ganz uninteressant. So sehen wir darauf nicht nur marschierende Soldaten, Verwundete, die von Kameraden versorgt werden oder sich liebevoll gegenseitig stützen - nein, auch mit der Abbildung sich küssender Männer hatte man damals offenbar keine Probleme. Udo referierte sehr detail- und kenntnisreich über die Hintergründe und Bedeutung der einzelnen Szenen. Neu für mich war allerdings, dass die Siegessäule sich erst seit der NS-Zeit überhaupt an dieser Stelle befindet. Sie war von den Nazis als ein markanter Punkt in der noch heute mit der Straße des 17. Juni, dem Brandenburger Tor und "Unter den Linden" bestehenden und herausragenden West-Ost-Achse der Stadt geplant, die ja mit einem gigantischen Kuppelbau gekrönt werden sollte. Aus Berlin hätte dann "Germania" werden sollen.

Relief mit sich umarmenden und küssenden Männern (links)

Relief mit sich umarmenden und küssenden Männern (links)

Relief mit Kameradenhilfe

Relief mit Kameradenhilfe

Doch kommen wir vom Macht- und Größenwahn der Nazis wieder ins demokratische Berlin von heute zurück: Dazu mussten wir die von der Goldelse bekrönte Siegessäule, zugleich Namensgeberin des älteren der beiden Berliner schwul-lesbischen Stadtmagazine, erst einmal im Rücken lassen - Zeit für einen Aufstieg war nicht eingeplant.

UDO KELCH † (rechts) mit seinem Manuskript

UDO KELCH † (rechts) mit seinem Manuskript

Die Gruppe bricht auf

Die Gruppe bricht auf

Weiter ging es zum Amtssitz des Bundespräsidenten, Schloss Bellevue. Eigentlich ist dies ja kein Programmpunkt für eine Stadtwanderung auf schwul-lesbischen Spuren, es sei denn, man ließe sich auf jene hartnäckigen Behauptungen unserer rheinischen Freunde ein, der neue Amtsinhaber [ - der inzwischen schon wieder Geschichte ist: gemeint war J. Rau ], spät verheiratet und derweil mehrfacher Vater, sei ihnen noch recht gut aus der NRW-Schwulenszene bekannt.

Schloss Bellevue

Schloss Bellevue

Am Magnus-Hirschfeld-Denkmal

Am Magnus-Hirschfeld-Denkmal



Links: Blick auf die Gedenktafel, die Magnus Hirschfeld lediglich als Sexualwissenschaftler ehrt, seine Bedeutung für die erste deutsche Schwulenbewegung aber verschweigt.
Der Klick aufs linke Bild führt zu einer Zeichnung von Magnus Hirschfeld



Etwas weiter nahe beim Ufer der Spree kamen wir dann am 1994 errichteten Magnus-Hirschfeld-Denkmal vorbei, dessen Gestalt einem Katheder nachempfunden ist, wie es Uni-Professoren bei Vorlesungen verwenden. Der Text rühmt allerdings nur den bedeutenden Sexualwissenschaftler, nicht aber den Begründer der ersten deutschen Schwulenbewegung, deren 100. Geburtstag wir ja 1997 mit einer großen Ausstellung in Berlin feierten. Das Wort "schwul" taucht hier überhaupt nicht auf. Das Denkmal sollte in der Nähe des von Hirschfeld begründeten Instituts für Sexualwissenschaft stehen, das von den Nazis zerstört worden war. Dessen exakter Standort (Adresse "In den Zelten") gilt als heute nicht mehr rekonstruierbar, wird sich aber irgendwo auf dem Grundstück des Neubaus des Bundeskanzleramtes befunden haben. Die Straßenbezeichnung "In den Zelten", die nun wohl auch für das neue Kanzleramt gelten wird, leitet sich davon ab, dass hier am Rande des Tiergartens früher Zelte für Jahrmärkte und Volksfeste aufgebaut wurden, bevor die im 2. Weltkrieg zerstörte Häuserzeile mit Hirschfelds Institut dort erstand. Sollte sich dessen Standort doch noch ermitteln lassen, könnte man den betreffenden Teil des Kanzleramtes ja rosa anmalen - als Mahnung an die ausgebliebene Entschädigung für das von den Nazis be- schlagnahmte und zerstörte oder spätestens im Krieg vernichtete kollektive Eigentum der deutschen Schwulenbewegung.

Das Kanzleramt im Rohbau

Das Kanzleramt im Rohbau

Das Kanzleramt im Rohbau

Zum fertigen Kanzleramt in Bezug zur "Schwangeren Auster"

Zwischen dem Hirschfeld-Denkmal und dem [mittlerweile längst vollendeten und "in Betrieb befindlichen"] Neubau des Kanzleramtes liegt das Haus der Kulturen der Welt, besser bekannt als ehemalige Kongresshalle, im Berliner Volksmund "Schwangere Auster" genannt. Hier fand gerade zu dieser Zeit eine sehr sehenswerte Ausstellung über Alexander von Humboldt (1769-1859) statt, weitgereister Naturforscher und zusammen mit seinem (heterosexuell veranlagten) Bruder Wilhelm Mitbegründer der Berliner Universität. Die Ausstellung besuchte ich dann tags darauf. Sie zeigte ihn nicht nur als den großen Wissenschaftler und letzten Universalgelehrten, sondern auch als politischen Menschen, der sich - seiner Zeit oft weit voraus - weltweit für Toleranz und Menschenrechte engagierte. Auch dafür, hauptsächlich aber zum ständigen Gedankenaustausch mit den damals führenden Wissenschaftlern aller Fachgebiete betrieb er seine ungeheure Korrespondenz mit allein ca. 50.000 von ihm selbst geschriebenen Briefen. Die Ausstellungsmacher sahen in diesem "Netzwerk des Wissens", in dessen Mittelpunkt A. von Humboldt stand, eine Art Vorläufer des Internet und gaben daher der Ausstellung den entsprechenden Untertitel. Wie der Texter des Hirschfeld-Denkmals vermieden auch sie allerdings peinlichst das Wörtchen schwul, ohne aber direkt etwas zu verschleiern oder zu verfälschen. Der ahnungslose Besucher dürfte sich bei aufmerksamer Lektüre der umfangreichen Erläuterungen dadurch nur ab und an gewundert haben, z.B. hinsichtlich der Beziehung zwischen Humboldt und seinem Lebensabschnittsgefährten, dem Botaniker Aimé Bonpland.

Die "Schwangere Auster"

Oben: Die "Schwangere Auster" [ Foto mit LINK ! ]            -             Rechts: Katalog-Titelseite zur
Alexander v. Humboldt-Ausstellung (mit einem Gemälde, das ihn zusammen mit Aimé Bonpland zeigt.)

Katalog zur Alexander v. Humboldt-Ausstellung
Das Amazonen-Denkmal im Tiergarten



Weiter ging es in den östlichen Bereich des Tiergartens zum Amazonen-Denkmal. Hier, am einzigen spezifischen "Lesben-Punkt" unserer Tour, erläuterte Udo nicht nur die Sage von den Amazonen, sondern auch den Umstand, dass in den 60er bis 80er Jahren rund um dieses Denkmal hier ein lesbisches Cruising-Areal bestand. Näheres dazu findet sich in einem [ damals ] neu erschienenen lesbischen Stadtführer für Berlin.



Links: Das Amazonen-Denkmal im Tiergarten


Wir wandten uns dann dem Brandenburger Tor zu und gingen von dort in die Wilhelm-Strasse, die Regierungsmeile des "Dritten Reiches". Von dort machten wir einen Abstecher zum Haus des Theologen Friedrich Schleiermacher, der mit den Brüdern Humboldt zusammen die Berliner Universität begründete. Er lebte bis zum Alter von ca. 40 Jahren für damalige Verhältnisse relativ offen schwul, heiratete dann eine Witwe mit zwei Kindern und machte ihr noch weitere vier [ zumindest offiziell ]. Er war in Berlin seinerzeit hoch geehrt und galt als vorbildlicher Familienvater - während seine Frau ziemlich unglücklich mit ihm gewesen und viel fremdgegangen [ sic! ] sein soll.

Das Schleiermacher-Haus



Oben: Das Schleiermacher-Haus

Rechts: Tafel am Haus

Tafel am Schleiermacher-Haus

Von dort aus besuchten wir noch die Ausstellung "Topographie des Terrors" in den Resten des Kellers der ehemaligen Gestapo-Zentrale, der früheren Kunstgewerbeschule neben dem Martin-Gropius-Bau. Hier, gegenüber vom ehemaligen Preußischen Abgeordnetenhaus, das nach dem Kriege zu Ostberlin gehörte, steht auch noch ein Stück der Berliner Mauer. Wir waren dabei an dieser Stelle vom Schleiermacher-Haus her wieder in den ehemaligen Westen Berlins gekommen, den wir beim Brandenburger Tor verlassen hatten. Im Gestapo-Hauptquartier waren natürlich auch wiederholt verfolgte Schwule inhaftiert, verhört und gefoltert worden. Dass das in der Ausstellung und im zugehörigen Katalog überhaupt erwähnt wird, ist nur dem massiven Einspruch verschiedener Berliner Schwulengruppen zu verdanken. Sonst wäre unsere Häftlingsgruppe wieder einmal totgeschwiegen worden. Die Darstellung ist allerdings nur sehr knapp und allgemein: Anders als z.B. bei den politisch Verfolgten erfahren wir nichts über einzelne Opfer und ihre Schicksale.

Ecke des Gropius-Baus (links), Teil des Preußischen Abgeordnetenhauses und der "Topographie des Terrors" im Vordergrund

Ecke des Gropius-Baus (links), Teil des Preußischen Abgeordnetenhauses und der "Topographie des Terrors" im Vordergrund

Preußisches Abgeordnetenhaus [heute Abgeordnetenhaus von Berlin], Rest der Berliner Mauer und Ausschnitt der "Topographie des Terrors"

Preußisches Abgeordnetenhaus [heute Abgeordnetenhaus von Berlin], Rest der Berliner Mauer und Ausschnitt der "Topographie des Terrors"

Die Gedenkstätte "Topographie des Terrors"

Die Gedenkstätte "Topographie des Terrors"

Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin-Kreuzberg

Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin-Kreuzberg

Nach dieser eher bedrückenden Station klang unsere (gar nicht so) kleine Wanderung durch die neue alte Hauptstadt mit einer fröhlichen (Doppel-) Geburtstagsfete in der architektonisch bemerkenswerten, sehr hochstrebenden Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg aus.


Eine weitere Seite mit Bildern schwulenhistorischer Spaziergänge in und bei Berlin findet sich hier:

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