Schwulenhistorische Stadtwanderungen durch Berlin II




[  Zur Hundert-Jahre-Ausstellung   ]

[  Zum "Homo-Kiez West": Nollendorfplatz   ]

[  Zum "Homo-Kiez Ost": Bummel mit Michael Unger   ]

[  Schwule(s) in Potsdam: Ein Parkbummel unter Leitung von Udo Kelch †    ]

[  Zum Besuch in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen   ]


 
   Zur Hundert-Jahre-Ausstellung 1997    
 

Akademie der Künste mit Ausstellungstransparent 1997

Akademie der Künste mit Ausstellungstransparent 1997
 

Polizeipräsidium mit Polizeihistorischer Sammlung

Polizeipräsidium mit Polizeihistorischer Sammlung
 

Logo der Ausstellung "Goodbye to Berlin - 100 Jahre Schwulenbewegung"

Im Jahre 1997, 100 Jahre nach der Gründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (der ersten schwulen Bürgerrechtsorganisation) durch Magnus Hirschfeld und seinen Kreis veranstaltete das Schwule Museum Berlin vom 17. Mai bis zum 17. August in den Räumen der Akademie der Künste eine außerordentlich inhalts- und materialreiche Ausstellung zur schwulen Geschichte und vor allem der der Schwulenbewegung - ausgehend von Berlin und ausstrahlend auf ganz Deutschland, Europa und die USA. Fünf mehrstündige Besuche erforderte es, die ganze Fülle der Informationen auch in den Begleittexten zu nutzen. Parallel zur Ausstellung gab es ein umfangreiches Vortragsprogramm und eine Zusatzausstellung in der Polizeihistorischen Sammlung im Polizeipräsidium beim Flughafen Tempelhof.

Die Zusatzausstellung hatte das prekäre Verhältnis von Schwulen (und auch, aber weniger, Lesben) und Polizei in Berlin durch die Zeiten zum Thema. Dabei erwiesen sich die Berliner Polizeipräsidenten in ihrer Mehrheit als eher liberal und nicht so sehr an einer vehementen Verfolgung interessiert. Allerdings waren sie von der Gesetzeslage her ja zum "Einschreiten gegen homosexuelle Umtriebe" gezwungen. An Einzelheiten blieb bei mir eher Kurioses haften, wie zum Beispiel, dass Berliner Polzeischüler in der Kaiserzeit lernten, dass ein Verdacht auf Homosexualität immer dann gegeben sei, wenn ein Mann durch saubere Fingernägel - also ohne die "üblichen" schwarzen "Trauerränder" - auffiele. Seien dann noch Spuren verschütteten Wassers in der Wohnung des betreffenden Mannes zu finden, ist er bereits so gut wie überführt: Denn da Homosexuelle sich häufiger wüschen als die Allgemeinbevölkerung, trügen sie immer Waschschüsseln durch die Wohnung. Neben solcherlei Dingen zum Schmunzeln gab es jedoch andererseits auch Tragisches und Erschreckendes aus den Zeiten der Verfolgung, darunter eine ganze Gruppe von Dokumenten zum Fall einer Hinrichtung einzelner Männer noch unmittelbar zum Ende des II. Weltkrieges (und damit auch der NS-Gewaltherrschaft). Unter den Opfern war ein Polizist, auf den der Geheimerlass zur Todesstrafe bei Armee- und Polizeiangehörigen im Falle "homosexueller Verfehlungen" anwendbar war. Dabei lag (soweit ich mich erinnere) gerade bei diesem lediglich eine Anschuldigung vor; ein Gerichtsverfahren hatte noch gar nicht stattgefunden. Selbst zu NS-Zeiten war eine Hinrichtung auf bloße Anschuldigung ohne Verhandlung ein Ausnahmefall - unbeschadet dessen, dass die NS-Justiz ja nur eine Farçe war. Daher weigerte sich auch der eine oder andere damit befasste Beamte oder Funktionsträger, diesen offensichtlichen Mord zu begehen. Schlussendlich fand sich dann aber doch ein williger Vollstrecker, buchstäblich in letzter Minute des NS-Terrorregimes.

Zur Hauptausstellung in der Akademie der Künste ist ein Katalogband erschienen - zur Information bitte hier klicken.

Schwules Museum (Berlin-Kreuzberg) im Jahr 2003

Das Schwule Museum in Berlin-Kreuzberg, Veranstalter der "Hundert-Jahre-Ausstellung" in der Akademie der Künste, habe ich seither viele Male besucht - zu unterschiedlichsten Ausstellungen zu Themen aus schwuler Geschichte und Kultur.



(Als Beispiel einer Ausstellung zu einem speziellen Thema schwuler Alltagskultur sei hier die Porno-Ausstellung im Jahre 2002 erwähnt, auf der mein Artikel  über ein Interview mit dem Porno-Regisseur Jerry Douglas basiert.)



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Homo-Kiez West:
   Berlin´s Nollendorfplatz   
 

Gedenktafel am Nollendorfplatz

Der "Nolli" bildet schon seit einem Jahrhundert das Zentrum des "Homo-Kiezes" von Berlin (*). Hier im Umkreis - heute insbesondere im Bereich Motzstraße und Fuggerstraße - häufen sich schwule Kneipen. Schon in der Weimarer Republik gab es hier beispielsweise das "Eldorado" , das bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten geschlossen und konfisziert und dann in ein NSDAP-Parteilokal umfunktioniert worden war. In der Zeit der Teilung der Stadt entwickelte sich dann ein "Homo-Kiez Ost" am Prenzlauer Berg; der "Nolli" blieb Mittelpunkt der "Homos West". Die Gedenktafel für schwule Naziopfer mit der Aufschrift "Totgeschlagen - Totgeschwiegen" hat somit nicht von ungefähr ihren Platz an der Außenwand der U-Bahn-Station Nollendorfplatz erhalten. Vor wenigen Jahren wurde wenige Schritte davon entfernt ein neues "Homo-Monument" in den Regenbogenfarben errichtet, das verdeutlichen soll, dass der "schwule Kiez" heute wieder voller Leben ist.

Links: Gedenktafel am Nollendorfplatz von 1989


Untere Bilder: das neue Berliner "Homo-Monument" (2000)
 

Neues "Homo-Monument" am Nollendorfplatz mit dem Metropol im Hintergrund Neues "Homo-Monument" am Nollendorfplatz mit Blick auf das Hochhaus an der Kleist-Straße
Neues "Homo-Monument" mit U-Bahn-Station Nollendorfplatz Neues "Homo-Monument" mit U-Bahn-Station Nollendorfplatz

Neues "Homo-Monument" mit dem Eingang zur U-Bahn-Station Nollendorfplatz


(*) "Der Nollendorfplatz ist der zentrale städtische Ort, der für schwules und lesbisches Leben in Berlin steht. Etwa seit Anfang dieses Jahrhunderts
[ gemeint ist hier das 20. ] hat sich hier eine kulturelle und kommerzielle schwule Szene entwickelt, die trotz historischer Einschnitte eine erstaunliche Kontinuität aufweist. Treffpunkte ... der Homosexuellen lagen über die ganze Stadt verstreut. ... Der Wachstumsschub der Stadt zwischen 1870 und 1900 ließ den "Neuen Westen" entstehen, ... auf Schöneberger und Charlottenburger Gebiet. Mit der Unterhaltungskultur (Theater, Kinos), die die Gegend zwischen Nollendorfplatz und Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu einem zweiten urbanen Zentrum werden ließ, kamen homosexuelle Treffpunkte: Bars, Ballhäuser, Tanzdielen. In den zwanziger Jahren soll es 80 - 100 schwule und lesbische Lokale, z.T. stadtbekannte und populäre Etablissements, in Berlin gegeben haben, von denen sich die meisten um die Bülow- und Kleiststraße gruppierten. ... [Es] sollen während der [ NS-Zeit und der ] Kriegsjahre einzelne Lokale hinter einer "heterosexuellen Fassade" weiterexistiert haben. 1946 aber fand in der Bülowstraße der erste Tuntenball nach dem Krieg statt."

[ Zitiert aus: Denkschrift - Der homosexuellen NS-Opfer gedenken. Senatsverwaltung für Jugend und Familie, Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen. Berlin 1995 - Zurück  ]

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Homo-Kiez Ost:
   Ein Bummel mit Michael Unger   
 

Am Senefelder Platz

An unserem Treffpunkt am Senefelder Platz gab Michael Unger, Geschäftsführer des Sonntagsclubs, bei herrlichem Sonnenschein zunächst eine Einführung in das schwule Leben zu SED-Zeiten im Allgemeinen und seine persönlichen Erfahrungen seit seinem Einstieg ins schwule Leben im Besonderen. Auch eine kurze Geschichte des Sonntagsclubs, der einzigen zu SED-Zeiten geduldeten Vereinigung lesbischer, schwuler, bisexueller und transidentischer Menschen, und der Repression im Stasi-Staat war naturgemäß damit verbunden.



Am Senefelder Platz

Am Senefelder Platz

Am Senefelder Platz

Am Senefelder Platz

Klappe oder "Café Achteck" - mit LINK !

Kulturbrauerei

Kulturbrauerei

Das Hallenbad in der Oderberger Straße

Wir kamen an einer (der sehr selten gewordenen - und in diesem Fall sogar restaurierten!) Klappe oder "Café Achteck" vorbei und wandten uns an der Ecke der Kulturbrauerei (die ich zuerst durch die großen CSD-Parties kennengelernt hatte) gen Westen zu - bis in Sichtweite der ehemaligen Grenze, von der an dieser Stelle aber nichts mehr zu sehen ist. Auf dem Wege dorthin hatte uns Michael am Hallenbad in der Oderberger Straße über die dortigen Sitten und Gebräuche der Schwulen zu DDR-Zeiten aufgeklärt - etwa, wie man(n) an Kabinen kam und das (vorwiegend weibliche) Personal des Bades dazu bringen konnte, dort zu zweit einmal ungestört zu bleiben.

Vor dem Bad

Vor dem Bad

Am Bärenkeller

Am Bärenkeller

Zum Ende des Rundganges passierten wir auch noch die bekannten Lokale "Bärenkeller" und "Schoppenstube", die jedoch zu dieser Tageszeit natürlich noch geschlossen hatten.

Die U-Bahn-Linie

Vor der Schoppenstube

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Schwule(s) in Potsdam:
   Ein Parkbummel unter Leitung von Udo Kelch †   
 

Kuppel der Friedenskirche Sammeln an der Friedenskirche
Schloss Sanssouci vom Park aus

Wir trafen uns - leider bei trübem, regnerischen Wetter - an der Friedenskirche und konnten auch einen Blick hineinwerfen. Sie enthält in der Apsis ein frühchristliches Mosaik "Christus Pantokrator", das aus Murano stammt und mit ordentlichem Kaufvertrag dort für diese Kirche erworben wurde, die dann danach entsprechend gebaut wurde (um das Mosaik aufzunehmen).

Wir gingen weiter zum Schloss Sanssouci und sahen dahinter auch die berühmte Mühle, deren Geschichte Udo kurz referierte. Fazit: In Preußen steht auch der König unter dem Gesetz!

Die historische Mühle von Sanssouci Schloss Sanssouci vom Grab der Windspiele aus
Das Grab der Windspiele mit der Schlossterrasse (1) Das Grab der Windspiele mit der Schlossterrasse (2) - und der Wunschbegräbnisstätte Friedrich II.


Wir standen dann an Friedrich II. Wunschbegräbnisstätte - neben der seiner Windspiele (seiner Lieblingshunde) auf der Schlossterrasse. Udo Kelch las aus Texten von Voltaire und Graf von Krockow über Friedrich II. und dessen Homosexualität, dazu dann noch einen Brief des homosexuellen Pfarrers Samuel Dudenhöfer an Friedrich II.: Dudenhöfer, dem die Todesstrafe drohte, floh dann aber doch sicherheitshalber nach Mecklenburg statt auf den Beistand seines Königs zu vertrauen. Man weiß von ihm, dass er dann später in St. Petersburg und danach schließlich in Massachusetts in den USA lebte und arbeitete. (Udo hat diesen schwer zugänglichen Brief in einem Archiv "ausgegraben". Er ist gut formuliert, wirkt aber in seiner Untertanen-Unterwürfigkeit dem König gegenüber auf uns Heutige auch wieder befremdend.) Dem stellte Udo dann noch Briefe Friedrich II.` selbst an seinen Privatdiener und Intimus Fredersdorf gegenüber. Die sind auch auf deutsch geschrieben - eine Sprache, die seine Majestät sonst eher selten benutzte - und verwechselten (wie der richtig berlinernde Berliner heute noch) nicht selten "mir" und "mich".

Orangerie mit großer Treppe

(Oben: Ein junger Medienmensch aus unserer Runde
nutzte jede Treppe im Park zu einem großen Show-Auftritt.)



Rechts: Unsere Gruppe am Freundschaftstempel

Unsere Gruppe am Freundschaftstempel



Am Freundschaftstempel las Udo aus dem Schwab [Die Sagen des klassischen Altertums] über die dort verewigten antiken Freundespaare vor. Die Entwürfe zu diesem Tempel stammen übrigens von Friedrich II. höchstpersönlich! - Wir hatten zuvor u.a. die Orangerie und den Sizilianischen Garten passiert, sahen vom weitem das Neue Palais und kamen am Charlottenhof, den Römischen Bädern (mit der Faunstatue) und am Chinesischen Teehaus vorbei. Zum Schluss waren wir noch bei einem Potsdamer HuK-Freund zum Kaffee eingeladen.

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   Besuch in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen   
 

Eingangsbau des ehem. KZ Sachsenhausen bei Oranienburg

Eingangsbau des ehem. KZ Sachsenhausen bei Oranienburg

Tor im Eingangsbau des ehem. KZ Sachsenhausen bei Oranienburg

Tor im Eingangsbau des ehem. KZ Sachsenhausen bei Oranienburg

Im Mai 2000 besuchte ich die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen bei Oranienburg (im Umland nördlich von Berlin) anlässlich einer Sonderausstellung des Schwulen Museums Berlin zur homosexuellen Opfergruppe im Informations- und Ausstellungsgebäude der Gedenkstätte.

Vgl. hierzu die gesonderte Fotoseite:  Sonderseite Sachsenhausen 


Zur ersten Seite - Schwulenhistorischer Spaziergang durch Berlin / Von der Siegessäule bis Kreuzberg
- IN MEMORIAM UDO KELCH † - geht es hier:


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