Aus Hannovers schwuler Geschichte



Ein kleiner Stadtbummel unter der Führung von Rainer Hoffschildt

Von Bernd König unter Verwendung von Textpassagen aus Rainer Hoffschildts Buch "Olivia - Die bisher geheime Geschichte des Tabus Homosexualität und der Verfolgung der Homosexuellen in Hannover" (*)

Bereits dreimal - nämlich in den Jahren 2000 und 2002 und im Rahmen des Programms zum Kirchentag 2005 - unternahm die HuK Hannover einen schwulengeschichtlichen Stadtrundgang. Beim zweiten Mal waren bereits Gäste aus Stralsund dabei; beim Kirchentag waren rund 80 Besucher der Einladung der HuK gefolgt. Ich präsentiere hier den Bericht aus der Jubiläumsausgabe der Homoluja von Anfang 2003 zusammen mit Fotos von den beiden ersten Rundgängen (Aufnahmen: Bernd König und Hans-Jürgen Meyer).

Zwischen den beiden ersten Rundgängen, genauer gesagt, am 1. August 2001, schrieb Hannover wieder schwule wie auch lesbische Geschichte mit dem jeweils ersten nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz getrauten Paar. Siehe dazu unten die Ergänzung. (Daher startete der Stadtrundgang im Rahmen des Kirchentagsprogramms auch am Trauzimmer im Alten Rathaus.)

Am Ballhof, Juni 2000 Am Ballhof, Juni 2000

Ausgangspunkt unseres Stadtrundganges war der Ballhof im Herzen der Altstadt: Heute als Theater aus dem Kulturleben unserer Landeshauptstadt nicht wegzudenken, war er zu Beginn der Weimarer Republik für wenige Jahre (1919 - 1922) auch ein Ort homosexuellen Lebens -"für Freunde und Freundinnen", wie es in einer erhalten gebliebenen Annonce hieß. Neben den beiden barocken Ballsälen aus der Königs- und Kurfürstenzeit beherbergte das Gebäude nämlich auch das "National-Theater-Restaurant", ein "Klublokal" für Homosexuelle des `Gesellschaftsklubs "Aada"´. Dort konnte man auch die neu entstandenen Homosexuellenzeitschriften wie z.B. "Die Freundschaft" kaufen, in denen der Gastwirt wie auch der Klub annoncierten.

Am Ballhof, September 2002 Rainer & Bernd

Vor dem Ballhof im September 2002 -
mit den Gästen aus Stralsund.

Während Rainer Hoffschildt vorträgt,
hält Bernd Iwan wieder das Bildmaterial.

Der Ballhof

Der Ballhof befand sich damals in einem heruntergekommenen Gebiet auf einem Hinterhof und war über einen Durchgang durch das Haus Burgstraße 9 oder aber durch die schmale Ballhofstraße erreichbar. Von Theodor Lessing wurde der Ballhof als "minder vornehmer Treffpunkt" der Homosexuellen bezeichnet. Aber immerhin fanden an diesem Ort die ersten nachweisbaren Bälle und geselligen Veranstaltungen für Homosexuelle in Hannover statt. Die Gründe für die Schließung nach nur wenigen Jahren sind nicht bekannt - vielleicht lag es an dem schlechten baulichen Zustand, vielleicht aber auch am wirtschaftlichen Niedergang durch die Konkurrenz anderer Lokale.

Burgstraße beim Holzmarkt

Links: Am Historischen Museum / Burgstraße beim Holzmarkt



Vorbei am Historischen Museum und über den Holzmarkt führte unser Weg zur Schlossstraße am Parkplatz des Landtages. Hier im Leineschloss bzw. im Keller von dessen Brandruine befand sich ab 1946 die "Schlossklause", Hannovers erste Schwulenkneipe nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie soll bis Anfang der 50er Jahre bestanden haben, wurde noch 1951 als einzige Gaststätte in Hannover in der damals wieder entstehenden Homosexuellenpresse erwähnt und im Jahre 1952 letztmals beworben.

Die Ruine des Leineschlosses, des heutigen Landtags, lag in einem großen Trümmergebiet und war vom Friederikenplatz über eine kleine Brücke über die Leine zu erreichen. Man befand sich dann in einem Durchgang des Leineschlosses. Links ging es zu einer Kneipe, in der Freudenmädchen und Zuhälter verkehrten, rechts davon durch zwei Luftschutztüren und über eine steile Treppe in die "Schlossklause". Deren Raum war ein tunnelartiges Gewölbe von etwa zehn Meter Länge und fünf Meter Breite - daher auch mit dem Spitznamen "Königlicher Kartoffelkeller" belegt - und war von einfachster Ausstattung: alte, grüngestrichene Gartenstühle und Bänke an den beiden Seitenwänden. Den Abschluss des Raumes bildete die Theke, hinter der sich noch ein Küchenraum befand. Selbst für die Nachkriegszeit war damit die Ausstattung dieser Gaststätte "etwas deprimierend". In den ersten Jahren musste man sich sogar noch Briketts zum Heizen mitbringen.

Am Landtags-Parkplatz

Rainer Hoffschildt und Bernd Iwan
am Landtagsparkplatz

Am Landtagsparkplatz

Selbige mit historischen Ansichten (links, mitte)

Die Gäste beschrieben die Atmosphäre in der "Schlossklause" als die eines Asyls, denn es galt ja noch der Naziparagraph - andererseits fühlte man sich aber auch wie befreit nach den Gefahren der NS-Zeit sowie nach Krieg und Gefangenschaft. Nach langen Jahren der Angst konnte man sich nun wieder treffen und Freundschaften anbahnen. Gerade zu Wochenenden war es deshalb dort meistens zum Bersten voll - "wir saßen übereinander" erzählte einer der damaligen Gäste dem "Olivia"-Autor Rainer Hoffschildt. Wenn es nicht ganz so voll war, konnte man auch schunkeln und tanzen. Der Druck von außen und die primitive Ausstattung machten die Einzigartigkeit dieser Kneipe aus, deren Gäste aus allen sozialen Schichten und Berufsgruppen stammten. Durch den Krieg bedingt - viele Männer waren entweder gefallen oder noch in Gefangenschaft - war die mittlere Altersgruppe deutlich schwächer vertreten als Jüngere und Ältere und dementsprechend heiß begehrt und umworben.

Nur mit den Lesben gab es hin und wieder Ärger - bis hin zu regelrechten "Saalschlachten", bei denen auch schon mal einige der Gartenmöbel zu Bruch gingen. Gelegentlich kam auch die Polizei vorbei - vor allem wegen eventuell anwesender Jugendlicher.

Die künftige Ulrichs-Passage?

Links: Die künftige Ulrichs-Passage?
Wohl kaum, denn mit der Straße zwischen Runde Straße und Hamburger Allee am ZOB ist ja mittlerweile eine andere Entscheidung in dieser Frage getroffen worden.

Karl Heinrich Ulrichs

  Karl Heinrich Ulrichs
  (KLICK zum Werk)  


Von der Ecke des Landtagsgrundstückes aus gingen wir über die Leine und das Leibnizufer in die Calenberger Neustadt. Hier kam Rainer Hoffschildt auf den Vorkämpfer der Schwulenemanzipation im 19. Jahrhundert, Karl Heinrich Ulrichs zu sprechen. Zu dessen Zeit befand sich hier neben anderen Regierungsdienststellen das königlich-hannoversche Justizministerium, wo auch seine Personalakte als "Hülfsrichter" und Gerichtsassessor u.a. in Hildesheim geführt wurde. Einem Verfahren wegen seiner Homosexualität zuvorkommend, schied Ulrichs "freiwillig" aus den Diensten des Königreichs Hannover, wurde aber von hier aus auch nach seinem Ausscheiden drangsaliert, vor allem in Fragen der An- oder Aberkennung seiner im Dienst erworbenen juristischen Titel. Mehr als jeder andere Platz oder Straße in Hannover würde sich daher diese Passage für eine Benennung zu seinen Ehren eignen.

Vorbei an der Neustädter Kirche, im Wechsel mit St. Clemens und der Marktkirche wiederholt Ort des Requiems für an AIDS Verstorbene am Totensonntag, gingen wir weiter in die Rote Reihe. Unser Weg führte uns am Landeskirchenamt vorbei, einem Ort der jüngeren HuK-Geschichte: Hier hatte die HuK 1990 in einer vielbeachteten Aktion gegen den 5jährigen Wartestand für Pastor Hans-Jürgen Meyer wegen dessen freimütigem Bekenntnis zu seiner Homosexualität protestiert. (Mit einer offiziellen Suspendierung vom Gemeindedienst hatte im Jahre 1984 die Auseinandersetzung zwischen ihm und der Landeskirche begonnen.)

Landeskirchenamt

Demo der HuK Hannover vor dem Landeskirchenamt (Historisches Foto)

Landeskirchenamt mit Neustädter Kirche

Landeskirchenamt, oben mit
Turm der Neustädter Kirche.
Links unten: Historisches Foto

In der unmittelbaren Nachbarschaft des Landeskirchenamtes gibt es zwei weitere Orte mit Bezug zu Hannovers schwuler Geschichte: In einem Haus schräg gegenüber wohnte eine Zeitlang der Massenmörder Fritz Haarmann, der anfangs der 20er Jahre eine größere Zahl junger Männer ermordete und zerteilte, die er im Hauptbahnhof angesprochen und in seine Wohnung gelockt hatte. Er wurde im Dezember 1924 zum Tode verurteilt und im April 1925 im Hof des Gerichtsgefängnisses in der Leonhardtstraße hinter dem Hauptbahnhof geköpft. Dieses befand sich etwa dort, wo heute der Raschplatzpavillon steht - die heutige Leonhardt- hieß damals Heinrichstraße. Durch dieses Gefängnis gingen in der NS-Zeit neben anderen von den Nazis Verfolgten auch Homosexuelle; auch sie werden als Opfergruppe am Mahnmal neben dem Pavillon erwähnt. Doch kommen wir wieder zurück zu unserem Rundgang und damit noch einmal kurz zu Haarmann: Nach diesem Fall wurde das schwule Leben in Hannover stark unterdrückt, wodurch die von der Polizei bereits erstellten "Rosa Listen" veralteten. Dadurch bildeten sie dann in der NS-Zeit eine eher schlechte Grundlage der Homosexuellenverfolgung.



(Rechts: Außerhalb unserer Route, nur erwähnt:)
Mahnmal am Raschplatzpavillon für die Opfer aus dem Gerichtsgefängnis

Mahnmal am Raschplatzpavillon
Mahnmal der Synagoge

Mahnmal der Synagoge neben dem Landeskirchenamt

Mahnmal der Synagoge

Auf der anderen Seite findet sich gleich neben dem Landeskirchenamt das Mahnmal für die in der Reichspogromnacht unter den Nazis zerstörte Synagoge. Diese hatte in seiner Kindheit und Jugend der in der Burgstraße in der Altstadt geborene Herschel Grünspan besucht. Er war 1936 zu Verwandten in Paris gezogen und hatte dort später in einer Schwulenkneipe den zweiten Vertreter des Botschafters, den Legationssekretär Ernst vom Rath kennengelernt. Als Grünspan durch Briefe seiner Familie aus Hannover immer wieder Einzelheiten über die wachsende Verfolgung der Juden in Deutschland erfuhr, insbesondere nun über die Ausweisung seiner Angehörigen nach Polen, beschloss er, mit einer Aktion dagegen zu protestieren. So kam es zu seinen Schüssen auf vom Rath am 7.11.1938, denen dieser zwei Tage später erlag, was dann von den Nazis zum willkommenen Anlass für die alles Vorangegangene so massiv übersteigenden Übergriffe gegen Deutschlands jüdische Bevölkerung ausgenutzt wurde. Noch in derselben Nacht gelang es Goebbels und dem NS-Machtapparat, das (sicherlich bereits vorbereitete) Pogrom zu starten, wobei unter anderem eben auch Hannovers Synagoge in der Roten Reihe zerstört wurde.

Herschel Grünspan und das Bild der Synagoge

Auf dem Weg zurück zur Leine und in die Altstadt kamen wir am Rande der Calenberger Neustadt auch am Standort der legendären Schwulenkneipe "Olivia" vorbei, nach der Rainer Hoffschildt sein Buch über Hannovers schwule Geschichte benannt hat - deren Name wiederum auf den Vornamen der Wirtin zurückging. Seit das Buch 1992 erschien, hat er noch weitere Informationen zu dieser Kneipe gewinnen können, die zu Beginn der Nazi-Zeit (etwa 1934) geschlossen wurde.

Zurück über die Leine in die Altstadt

Zurück über die Leine in die Altstadt

Vor der Burgklause in der Burgstraße

Vor der Burgklause in der Burgstraße

Schild der Burgklause
Burgklause
Ecke der Burgklause mit Turm der Kreuzkirche

An der Burgklause vorbei
geht der Blick zum Turm der Kreuzkirche

In der Altstadt beendeten wir dann unseren Rundgang in der Burgklause, unter den heute (2004) noch existierenden Schwulenkneipen in Hannover die zweitälteste** (gegründet 1966) - direkt am Johann-Trollmann-Weg, dem Fußgänger-Durchgang zur Kreuzkirche, die mitsamt ihres Gemeindehauses heute ja einen Schwerpunkt im Leben unserer Gemeinschaft, der HuK Hannover, bildet.


* Rainer Hoffschildt: Olivia. Hannover 1992: Im Selbstverlag des Autors [ siehe unten ] - Mit dessen Erlaubnis sind die zitierten Passagen der besseren Lesbarkeit wegen nicht gesondert gekennzeichnet.

Gedruckt erschien dieser Beitrag bereits in Homoluja Nr. 77 (Jubiläumsausgabe, 2003), S. 47 - 50

(Es handelt sich hier um die [angepasste] Kopie einer von mir für die Homepage der HuK Hannover e.V. erstellten Internetseite)

Der Blick zur Konkordiastraße
CAROLA JETZT CAROLA EINST

Carola jetzt und einst

Links: Der Blick zur Konkordiastraße

DIE BILDER DIENEN ALS LINKS -
"CAROLA JETZT" = HTML = "CAROLA EINST" =PDF!

** 2004 schrieb ich an dieser Stelle: "Hannovers älteste heutige Schwulenkneipe - die Barkarole in Linden [1964-1972 unter dem Namen "Amsterdam", zeitweise Lesbenkneipe] - lag naturgemäß außerhalb unseres Rundganges. Ein Besuch lohnt sich schon allein dank des Wirtes "Carola", der - wenn man Glück hat - aus seiner Vergangenheit als Damenimitator unter den Künstlernamen "Caroline Duprés" und "Gloria Goldin" erzählt. Nicht nur durch die seit den 60er Jahren nur wenig veränderte Einrichtung ist die Barkarole ein lebendiges Museum schwuler Historie: Hier steigt der Gast ein paar Stufen hoch, um zu klingeln, und wird dann wie in alten Zeiten durch eine kleine Klappe in der Tür gemustert, bevor er eintreten darf - oder auch nicht."

Am 6. November 2008 verstarb nach längerer schwerer Krankheit Carola alias Karl-Heinz Zech, der Wirt der Barkarole und ehemalige "Damenimitator". Wir haben damit einen lieben Freund und eine namhafte Persönlichkeit in Hannovers schwuler Community verloren. Ich beschloss, den vorstehenden Text (fast) unverändert so zu belassen wie er seit Jahren in meiner Homepage gestanden hat. Die Trauerseiten zu Carola erreichen Sie über die folgenden Links:

[ Zu einer Trauerseite zu Carola ]

[ Zur Trauerseite zu Carola in der Webseite "www.barkarole.de" von Achim Fischer (Externer Link) ]

[ Zur Traueransprache für Carola von Pastor Hans-Jürgen Meyer ]

Im Bereich "Historische Materialien" der Webseite des VEHN (Verein zur Erforschung der Geschichte der Homosexuellen in Niedersachsen) habe ich zudem eine Seite mit historischen Bilddokumenten zu Carola erstellt.

Dies sei immerhin noch nachgetragen zu Hannovers schwuler Geschichte. Zur Vertiefung ist Rainer Hoffschildt´s Buch "Olivia" zu empfehlen, zur Verfolgung der Schwulen durch den Nationalsozialismus mit dem Schwerpunkt Norddeutschland sein zweites Buch. Speziell zur Geschichte der HuK Hannover gibt es dann noch das Heft "Wir fallen aus dem Rahmen". Dazu befindet sich außerdem noch eine kurze, illustrierte Darstellung auf der Jubiläumsseite der HuK Hannover.

Rainer Hoffschildt: OLIVIA Rainer Hoffschildt: Die Verfolgung der Homosexuellen in der NS-Zeit HuK Hannover: Wir fallen aus dem Rahmen


Altes Rathaus, Anbau Südseite (19. Jahrhdrt.), oberer Bereich

[ Ergänzung ]

Nachzutragen bleibt ferner, dass Hannover auch in Sachen "Homo-Ehe" schwul(-lesbisch)e Geschichte geschrieben hat: Nach der (rechtlich unwirksamen) "Hamburger Ehe" und dem Berliner Bundestags-Beschluss von 2000 war es Hannover, wo am 1. August 2001 das erste schwule und auch das erste lesbische Paar Deutschlands standesamtlich getraut wurden. Dies geschah nur unweit der Route unseres Stadtrundganges im offiziellen Trauzimmer der Stadt Hannover im Alten Rathaus.

Damit begann der praktische Einstieg Deutschlands in eine rechtsstaatliche Zukunft in unserer Landeshauptstadt Hannover!

Altes Rathaus, Ansicht von der Marktkirche aus Altes Rathaus, Ecke Köbelinger Straße (Eingang zum Trauzimmer der Stadt Hannover)
Hochzeitskutsche am Alten Rathaus, Eingang Köbelinger Str. (zum Trauzimmer), im Hintergrund die Marktkirche Deutschlands erste standesamtlich getraute "Homo-Paare" mit Oberbürgermeister

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© Bernd König - letzte Änderung am 09.12.2008