Peinliches Hollywood


(Originalbeitrag im Internet)

[Ausschnitt aus meiner Fernsehzeitschrift:]

Teenagerkomödie 20.15 Film

American Pie präsentiert: Nackte Tatsachen 111.790 
USA 06, mit Maria Ricossa — Erik Stifler (John Whlte, r.; mit Eugene Levy)
ist immer noch Jungfrau, denn seine Freundin Tracy lässt ihn nicht ran. Er soll sich auf der "Nackten Meile" am College seines Cousins amüsieren. Es locken wilde Parties. 110 Min. (RTL II, 16.04.2010)

Beim Zappen im April 2010 stieß ich unter anderem auf eine gerade bei RTL Zwei laufende "Teenagerkomödie" mit dem Titel "American Pie präsentiert: Nackte Tatsachen" (wie ich später meiner Fernsehzeitschrift entnahm - vergleiche den Ausschnitt links). Ich habe den Film nicht bis zum Ende verfolgt - dazu wäre mir meine Zeit zu schade gewesen. Er wäre an sich auch keiner Erwähnung wert, würde nicht gerade die von mir gesehene Sequenz symptomatisch sein für die peinliche Verklemmtheit der heteronormativ geprägten Filmindustrie Hollywoods.

Im von mir gesehenen Abschnitt des Films ging es um einen (laut der Film-Erzählung) bereits "traditionell" gewordenen Bestandteil der Abschlussfeiern an einem amerikanischen College, der sogenannten "Nackten Meile", bei der Studentinnen wie Studenten im gemischten Pulk splitternackt einen Parcours von etwa einer Meile zwischen zwei Orten auf dem Collegegelände laufen. Am Ziel beginnt dann eine Party mit Dresscode Underwear (Unterwäsche). Als ich in den Film hineinzappte, stand dieser Lauf kurz bevor und war der vorherrschende Gesprächsstoff zwischen einigen Jugendlichen, die zum Teil noch unsicher waren, ob sie sich selbst unter die nackten Läufer mischen oder doch lieber bekleidet unter den Zuschauern am Rande des Parcours bleiben sollten. Dann betrat ein Alumnus (ehemaliger Student dieses College), der diese "Tradition" wohl mit begründet hatte, eine Art Bühne und hielt eine flammende Rede mit dem Hauptinhalt, dass der menschliche Körper doch etwas vollkommen Natürliches sei und niemand sich seiner Nacktheit zu schämen brauche.

Kurz darauf fiel dann der Startschuss und ebenso die Kleidung der zuvor erwähnten Jugendlichen, die sich der Masse der LäuferInnen anschlossen. Die waren dann - teilweise im Laufen miteinander redend - in den folgenden Minuten aus wechselnden Perspektiven zu sehen - aber keineswegs aus allen: Die Filmemacher hatten die Gelegenheit weidlich genutzt, jede Menge nackter junger Frauen vor allem von vorn zu zeigen, und zwar von Kopf bis Fuß - ihre Brüste hüpften auf und nieder und schwabbelten in der Gegend herum, was das Zeug hielt. Dazwischen dann immer wieder Männlein wie Weiblein von hinten. Doch die Jungs gabīs von vorn nur vom Nabel an aufwärts zu sehen (*)! Was war das gleich noch mit der vollkommenen Natürlichkeit der Nacktheit, deren sich niemand zu schämen brauche??? - Si tacuisses, Hollywood!

Als ob es gälte, da noch eins draufzusetzen, sah man dann nach dem Ende des Laufs ein paar der Jungs, die wohl die Hauptprotagonisten des Films waren, in Boxershorts zur Underwear-Party gehen. Wer ihnen die Shorts nachgetragen oder just eben spendiert hatte, blieb dabei ungeklärt, nicht aber das Befinden der Boys, denn enorme Ständer beulten ihre Shorts aus. Okay, das war ja ein Spielfilm und kein Porno - die Erektionen hätte man nicht unverhüllt zeigen müssen. Aber dass Nacktheit nicht gleich Nacktheit ist, wenn es um die beiden Geschlechter geht (**), fällt doch auf. Und so gilt noch immer mein Satz aus einem "Mimikry"-Beitrag von 1997: "Wenn eine Gesellschaft offensichtliche Probleme mit der natürlichen Nacktheit eines der beiden Geschlechter hat, dann stimmt doch da etwas nicht."


Dr. Bernd König


(*) Das hätte ich mir als Schwuler natürlich anders gewünscht!
(**) Dass die Natur selbst die Menschen nicht immer eindeutig einem Geschlecht zuordnet, lasse ich hier der Einfachheit halber einmal weg.


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