Berliner Impressionen



Von Bernd König

(Aus: Mimikry 13 (1) 18 - 19 (1998))

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahres, liebe Freundinnen und Freunde, war einer der normalerweise regelmäßigen Besucher unseres Offenen Abends dort viele Wochen lang nicht anzutreffen - Grund dafür war eine zeitweilige Projekttätigkeit in Berlin. Während das für den Thekenumsatz im Zentrum nur eine vergleichsweise geringe Einbuße bedeutete, hatte dadurch die Mimikry erstmals vorübergehend einen Korrespondenten in der Hauptstadt. Bedingt durch technische Schwierigkeiten (verschiedene Textverarbeitungssysteme waren im Spiel) und die Erscheinungsweise der Mimikry (auch wegen des Lesbenheftes Ende ´97) konnte das nicht so umgesetzt werden wie gedacht. Mit etwas Verspätung soll aber zumindest von den Texten, deren Ablaufdatum noch nicht überschritten ist, das Interessanteste nachgereicht werden.

Schwule Geschichte in der Akademie ...

1997 feierten wir ja vor allem den 100. Geburtstag der Schwulenbewegung. Zwar hat schon Jahrzehnte zuvor der Hannoveraner Karl Heinrich Ulrichs in seinen Schriften und auch persönlich auf einem Juristentag in München für die Gleichberechtigung Schwuler gestritten, doch wurde am 15. Mai 1897 in einer Wohnung in Berlin-Charlottenburg mit dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) die weltweit erste Organisation gegründet, die für die Bürgerrechte Schwuler stritt. (Lesben, die damals ja nicht gesetzlich verfolgt wurden, haben sich daran in der Folge in geringerem Maße auch beteiligt.) Von Berlin aus wurde der Kampf um Freiheitsrechte für uns Homosexuelle in alle Welt getragen, überdauerte im Ausland die Nazidiktatur und ihre Fortsetzung in den ersten 20 Jahren der Bundesrepublik und kehrte dann von dort nach Deutschland zurück. Aus diesem Anlaß war der Geschichte der Schwulenbewegung eine sehenswerte große Ausstellung vom 17.5. (!) bis 17.8.97 in der Akademie der Künste in Berlin gewidmet - in näherer Umgebung der Siegessäule. Ich weiß, einige von Euch haben sich auch diese Ausstellung angesehen (und hoffentlich dafür auch reichlich Zeit mitgebracht, denn die Fülle der ausgestellten Dokumente, das Nachlesen von Texten oder das Ansehen von Filmausschnitten und so weiter waren in ein paar Stunden kaum zu bewältigen. - Ich war froh, vor Ort zu sein, und konnte deswegen bei fünf Besuchen rund 20 Stunden investieren.) Zur Ausstellung ist im Übrigen auch ein Katalog erschienen, der zwar die verbindenden Texte enthält, aber nur einen Teil der Ausstellungsstücke zeigt.

... und im Polizeipräsidium

Begleitend und ergänzend zur großen Ausstellung in der Akademie gab es eine sehr viel kleinere im Foyer der Polizeigeschichtlichen Sammlung im Polizeipräsidium neben dem Flughafen Tempelhof. Sie wurde u.a. von Jens Dobler, Herausgeber des aktuellen Buches "Schwule, Lesben, Polizei", organisiert und stellte in mehreren inhaltsreichen Schautafeln den speziellen Aspekt des Verhältnisses der Schwulen zur Polizei und umgekehrt dar. Zwar lag dabei ein Schwerpunkt auf den Verhältnissen in Berlin, doch war sie deswegen für den Hannoveraner oder den Westfalen keineswegs weniger interessant als für den Berliner Homo.

Die Texte, Fotos und Faksimile von Dokumenten setzten im Kaiserreich ein und lehrten uns, woran Mitte des vorigen Jahrhunderts der damalige Berliner Polizeipräsident unsereinen eindeutig erkennen konnte: An ungewöhnlich sauberen Fingernägeln nämlich! War jemand damit schon fast überführt, so lehrte er seine Beamten, brauchten sie sich nur noch Zutritt zur Wohnung verschaffen, um sie auf das sicherste Indiz hin zu überprüfen, nämlich Spuren verschütteten Wassers in der Wohnung. Da fühle ich mich doch gleich ertappt - doch halt: Bei mir zu Hause finden sich solche Spuren hauptsächlich vor der Kühl-Gefrierschrankkombi, wenn ich mal wieder meine mit Wasser randvoll gefüllten Eiswürfelbereiter nicht ganz gerade gehalten habe, als ich sie hineinsetzte. Das hat mit dem neurotischen Waschzwang, den der Herr Polizeipräsident bei uns Schwulen ausmachte, denn doch wohl nichts zu tun.

Bereits sein Nachfolger und offenbar alle Berliner Polizeipräsidenten bis hin zur Nazizeit waren uns gegenüber allerdings liberal eingestellt, standen später auch im direkten persönlichen Kontakt mit dem WhK und bemühten sich im Rahmen der schwulenfeindlichen Gesetzeslage, schwules Leben in Berlin möglichst wenig zu beeinträchtigen. Daß auch ihnen dann bisweilen negativ-wertende Vokabeln aus der Feder flossen, zeigt, daß sie letztendlich doch auch Kinder ihrer Zeit waren. Mit den Nazis war es dann aber mit der Liberalität vorbei und es setzte nach der Röhm-Affäre die Verfolgung ein. Sie gipfelte für schwule Polizisten und Militärangehörige in einem der Bevölkerung gegenüber verschwiegenen Sondererlaß, daß diese zu töten seien. Sehr bewegend ist dann die ausführliche Dokumentation eines Falles noch aus den letzten Kriegstagen, als die Nazidiktatur schon zusammenbrach: Da wurden auf die Schnelle noch vier Polizisten hingerichtet, von denen einer "wegen homosexueller Betätigung" verurteilt war. Die drei anderen waren lediglich wegen einer entsprechenden Anzeige verhaftet worden, hatten aber noch nicht einmal vor Gericht gestanden. Selbst bei dem damals schon völlig zerrütteten Rechtsgefühl nach zwölf Jahren Nationalsozialismus war offensichtlich allen Beteiligten die Unrechtmäßigkeit dieser Hinrichtung klar, wie die Dokumente zeigen. Sie wurde aber dennoch vollstreckt.

Aus den ersten 20 Jahren Bundesrepublik, in denen die nationalsozialistische Fassung des §175 bekanntlich weitergalt (und deren Rechtmäßigkeit auch noch vom Bundesverfassungsgericht zum Teil unter Verwendung typisch nationalsozialistischen Vokabulars "bestätigt" wurde), ist bisweilen schon sehr Groteskes zu berichten. So ging es in einem langen Hin und Her um ein Titelfoto einer Schwulenzeitschrift - die waren ja immerhin an sich nicht direkt verboten. Es zeigte zwei hintereinandersitzende Männer mit nacktem Oberkörper, die sich weder küßten noch sonst irgendwie erkennbar berührten. Daher sei es auch an sich keineswegs "unzüchtig", wie Polizei und Gerichte übereinstimmend meinten. Nur eben als Titelblatt einer Homosexuellen-Zeitschrift - da sei es dann doch "unzüchtig" und gehöre verboten (und die ganze Zeitschrift am besten gleich mit).

Anders als bei uns im Westen wurde der §175 in der DDR bereits 1950 durch die Rückkehr zur Fassung von 1871 entschärft; Straffreiheit für einvernehmliches homosexuelles Verhalten unter Erwachsenen ab 18 Jahren gab es ab 1968. Dennoch wurde das Thema tabuisiert, Schwulenzeitschriften z.B. gab es gar nicht, und die Schwulen in Rosa Listen erfaßt. So wurden dann nach einem Verbrechen an einem Schwulen viele andere, die dem Betreffenden nie begegnet waren, plötzlich "als Zeugen" geladen. Das war praktisch für die Volkspolizei und die Stasi, denn unter diesem Vorwand konnte man doch gleich an Fingerabdrücke und Geruchsproben der "Zeugen" kommen und die Rosa Liste so aufs Schönste ergänzen. Amtlicherseits wurde dann zwar deren Vernichtung bald nach der Aufklärung des Falles behauptet, doch wurden Listen und Proben später bei der Vereinigung der Bundesrepublik als Mitgift übergeben - wo es ja damals noch einen §175 gab!

Mir blieb dann bei meinem Besuch noch kurze Zeit für die ständige Ausstellung der Polizeigeschichtlichen Sammlung, die von der preußischen Gendarmerie um 1800 bis zur Gegenwart reicht und neben Bildern und Texten auch viel Gegenständlicheres präsentiert: Uniformen aus zwei Jahrhunderten, Gerätschaften und Materialien zur erkennungsdienstlichen Behandlung von Verdächtigen, alte Telegraphen, Leitstände von Funkzentralen, Dioramen im Modellbahn-Maßstab z.B. von Schwarzmarktszenen nach 1945 oder von einem Großeinsatz gegen Haus-Besetzer und Objekte aus spektakulären Kriminalfällen vom zerstörten Tresor bis zu einem Stück des Tunnels aus dem berühmt gewordenen Bankeinbruch per selbstgebautem Tunnel. Wenn Ihr gerade mal in der Nähe seid, könnt Ihr Euch das ja selbst mal ansehen.

Wovon ich noch berichten könnte

- ja der Dinge sind Legion. So gab es im Umfeld der großen Ausstellung zahlreiche interessante Vorträge - worauf ich noch einmal zurückkommen werde -, aber auch so nette Dinge wie u.a. eine riesengroße Grillparty im Tiergarten, bei der sich auch so manche schwule Prominenz sehen ließ wie z.B. Napoleon Seyfarth. (Da waren zufällig aus Niedersachsen auch gerade die Chefs des Waldschlößchens angereist.) Gab es im Foyer der Akademie die kleine Zusatzausstellung "Positionen schwuler Kunst", so stellte einer der Künstler, Rinaldo, zeitgleich im Anderen Ufer seine Bilderserie "Ten Gays of the 20th Century & Joe Dalesandro" aus. (Als mein Projekt zu Ende ging, wurden dort gerade erotische Fotos von Bill Costa gezeigt.) In der Kalkscheune am Friedrichstadtpalast zeigten die Teufelsberger ihre "Late Nackt Show", im Schwuz präsentierten Arnold Krohne & Thomas Pester ihre "mélange de chansons d´odeurs différentes", in der Bar jeder Vernunft bezauberte Mouron und am Müggelsee war - hörenswert wie immer - Torsten Riemann zu erleben. Der hatte als schwuler Sänger in der DDR Auftrittsverbot und gastierte nun im Ex-Freizeitheim des Politbüros. Torsten Riemann ist aber - obwohl Sänger des Berliner CSD-Lieds ´97 - sogar in Berlin selbst wohl immer noch so etwas wie ein Geheimtip. Sollte er trotz des schwachen Besuchs seiner beiden Konzerte Anfang ´97 im Odeon noch einmal nach Hannover kommen, kann ich Euch nur raten, Euch das nicht entgehen zu lassen. Und auch das Übrige kann ich Euch in dem Fall nur empfehlen.





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