Nachlese Berlin |
Von Bernd König(Aus: Mimikry 13 (2) 7 + 20 (1998)) In meinen "Berliner Impressionen" in der letzten Ausgabe der Mimikry hatte ich versprochen, noch einmal auf einzelne Vorträge aus dem Rahmenprogramm der Berliner Ausstellung "100 Jahre Schwulenbewegung" im vorigen Jahr zurückzukommen. 33 Vorträge waren es insgesamt, die die Ausstellung in einzelnen Punkten noch vertieften und zum Teil über deren geographisch-kulturellen Rahmen (Europa und USA) hinauswiesen. Ich konnte leider die wenigsten selbst besuchen, denn schließlich war ich ja zum Arbeiten in Berlin und nicht zur persönlichen Fortbildung in schwuler Geschichte. Von denen, die ich hören konnte, greife ich hier nur zwei heraus, die mich besonders beeindruckten. Der erste davon wurde von Rainer Hoffschildt aus Hannover gehalten, dessen schwule Stadtgeschichte von Hannover ("Olivia") hoffentlich viele von Euch in ihrem Bücherschrank haben. Er beschäftigte sich mit der Statistik der Verfolgung Homosexueller in der NS-Zeit, die nur sehr schwer aus den bruchstückhaft überlieferten Dokumenten noch zu erschließen ist, denn vieles wurde ja von den Tätern oder auch durch Kriegseinwirkung vernichtet. So ging es in der Hauptsache um die Darstellung dieser Quellenlage und der mühsamen Detailarbeit, kritisch-wertend die Lücken der Überlieferung durch plausible Abschätzungen und "Hochrechnungen" zu schließen, daß ein realistisches Gesamtbild umrissen werden kann. Damit kommt er auf 37000 Verurteilungen durch Zivil- und 8000 durch Militärgerichte, zusammen also 45000; rund 7000 Homosexuelle kamen ihrer Homosexualität wegen ins KZ. Vielfach sind die Informationen über sie recht spärlich; teilweise aber kennt man einige beim Namen und hat auch Informationen über ihr weiteres Schicksal - so zum Beispiel über 644 Häftlinge aus Buchenwald, deren Todesrate mindestens 70% betrug. Auf Einzelschicksale konnte er in diesem Vortrag nicht eingehen - anders als in seinem Buch oder neulich bei einem Vortrag vor der HuK in der Thomasgemeinde in Laatzen. Dabei ist beides sehr wichtig und es ist ein großes Verdienst Rainer Hoffschildts, dieses bruchstückhafte Material so akribisch zu erschließen und damit eine Thematik wissenschaftlich anspruchsvoll zu bearbeiten, um die sich sonst die Geschichtsforschung immer noch eher herumdrückt. Mit dem Doppelvortrag von Professor Häberle (Berlin) und Professor Liu (Shanghai) über Homosexualität im alten und im modernen China ging es dann zeitlich, räumlich und kulturell in eine ganz andere Region. Dabei ist schon das "alte China" für sich ein in jeder Hinsicht sehr weit gespannter Begriff. Er umfasst eine Reihe durchaus verschiedener Kulturen, die zum Teil auch von repressiven, sexualfeindlichen Ideologien und Regimen beherrscht wurden - die dann "natürlich" auch unsereinem nicht gerade wohl gesonnen waren. Doch in ihrer überwiegenden Mehrheit - darin waren sich beide Wissenschaftler einig - waren die Menschen in China bis in die Neuzeit von einer eher realistischen und damit toleranten Einstellung gegenüber Homosexualität geprägt. Da wir selbst in einer tendenziell eher schwulenfeindlich orientierten Kultur großgeworden sind, vergessen wir ja oft, daß die große Mehrzahl aller menschlichen Kulturen den Menschen zunächst einmal so akzeptiert, wie er ist und damit in einigen Fällen eben auch als schwul oder lesbisch. Dieses änderte sich ja erst durch den Siegeszug von drei der vier (neben dem Judentum) direkt bzw. indirekt aus dem Vorderen Orient hervorgegangenen Weltreligionen Christentum, Islam und Marxismus. Es ist eben unser großes Unglück, daß ausgerechnet in einer Region, wo die mann-männliche Vergewaltigung unter Heteros zur Demütigung politischer und persönlicher Gegner uralte Tradition ist, Religionen entstanden sind, die danach große Teile der Welt geistig kolonialisieren konnten - Weltgegenden, in denen der Durchschnittsmann/Hetero gar keinen vernünftigen Grund hatte, sich vor gleichgeschlechtlichen Attacken zu fürchten und deswegen Sex unter Männern zu kriminalisieren. (Stattdessen das eigentliche Problem, nämlich die Vergewaltigung unter Menschen, zu verurteilen, erforderte bis in die jüngste Vergangenheit wohl ein zu hohes Ausmaß sowohl an logischem Denken als auch an Selbstbeschränkung für die meisten Heteromänner.) Bis zur europäischen, christlichen und dann vor allem marxistischen Einflußnahme - oder, anders gesagt, zwischen dem ersten und dem letzten Kaiser, saßen fast ebenso viele Schwule und Bisexuelle auf dem chinesischen Kaiserthron wie im alten Rom. Ein chinesischer Kaiser trat sogar ganz offiziell zu Gunsten seines Geliebten zurück, ohne daß irgendjemand daran Anstoß nahm - soweit überliefert. Homosexuelle Darstellungen waren in der chinesischen Kunst der meisten historischen Epochen durchaus üblich. Allerdings sind sie teilweise wegen der in manchen Jahrhunderten vorherrschenden androgynen Darstellungsweise nicht immer als solche zu erkennen, so beispielsweise in Gemälden der Ming-Zeit. Die gleichgroßen Füße sind hier - kaum glaublich‚ aber wahr - das deutlichste Erkennungszeichen der Männlichkeit, da die Frauen ja der (Un-)Sitte der Fußverkrüppelung unterworfen waren. Die Referenten zeigten Dias "schwuler" chinesischer Kunstwerke verschiedener Epochen, die im Lande selbst kaum zu sehen sind: die Kunstwerke selbst werden in verschiedenen größeren Museen in den Archiven unter Verschluß gehalten und sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Es handelt sich dabei nur noch um wenige Einzelstücke, da der allergrößte Teil "einschlägiger" Kunst während der Kulturrevolution zerstört wurde. Unter den geretteten Werken - zur Freude unserer Lederschwestern sei es erwähnt - befindet sich aber auch die soweit bekannt älteste künstlerische Darstellung eines Faustficks, gut 500 ehrwürdige Jahre alt. (Die Sache wurde demnach wohl doch nicht in amerikanischen Lederbars erfunden.) Daß schwuler Sex aber nicht nur „bei Kaiser‘s“ bzw. in besseren Kreisen ausgelebt werden konnte, beweisen viele Überlieferungen, die unter anderem auch ein blühendes schwules Sexgewerbe belegen: Von einer damals bereits 800000 Einwohner zählenden mittelalterlichen chinesischen Stadt ist beispielsweise die Bevölkerungs- und Gewerbestatistik erhalten geblieben. Den circa 400000 männlichen Einwohnern, Kinder und Greise mitgezählt, standen 4000 gewerbsmäßige Prostituierte gegenüber, also etwa 100 pro potentiellem Freier. Obwohl man nach den sonstigen Überlieferungen ausschließen kann, daß es den Frauen möglich war, sich sexuelle Dienstleistungen zu kaufen, waren 3000 der 4000 Prostituierten männlichen Geschlechts! Daß den Tonghzi (chinesischer Ausdruck für Schwule und Lesben) heute in der Bevölkerung eine weit verbreitete Homophobie entgegenschlägt, ist überwiegend eine Folge christlicher und marxistischer Missionierung. Nach Professor Liu ist angeblich die politische Führung da viel weiter und würde das gerne ändern, dringt aber bei Beamtenschaft, Justiz und Bevölkerung nicht durch. So existiert zwar kein einschlägiges Sexualstrafrecht, es kommt dennoch nicht selten zu willkürlichen Verurteilungen bis zu mehreren Jahren und zum Verlust der beruflichen Existenz. Vielfach werden Schwule und wohl auch Lesben in Scheinehen oder gar zum Selbstmord getrieben. Zwar soll die Regierung immerwieder auf untere Behörden Einfluß nehmen in Richtung Nichtverfolgung, doch läßt sie keine Homopresse zu (wie ehedem in der DDR erkennt sie dafür "keinen gesellschaftlichen Bedarf") und versuchte im vorigen Jahr durch diplomatische Pressionen in Cannes, einen ohne offizielle Genehmigung gedrehten chinesischen Schwulenfilm absetzen zu lassen. Dennoch gibt es genügend Mutige für eine (wenn auch vergleichsweise kleine) Schwulen- und Lesbenbewegung, die bereits 1996 und 1998 Kongresse organisierte. Eines der größten Probleme der importierten Homophobie besteht wohl darin, daß sie eine effektive AIDS-Prävention weitgehend verhindert. Schon von daher gesehen wäre eine Rückbesinnung auf die eigenen kulturellen Wurzeln in dieser Frage dort dringend geboten. |
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