Bundeselterntreffen 2001
oder
Viele Hannoveraner in Berlin



Von Bernd König

(Aus: Mimikry 16 (2) 6 (2001))

Unter dem Motto "Homosexualität mit dem Kopf und mit dem Herzen verstehen" fand am zweiten Märzwochenende in Berlin das jüngste bundesweite Treffen von Eltern lesbischer Töchter und schwuler Söhne statt. Während bisher die Elterngruppen vor Ort Ausrichter dieser im zweijährigen Turnus stattfindenden Tagungen waren, wurde diese nun erstmals direkt vom Bundesverband der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen (BEFAH) organisiert, der in Garbsen bei Hannover residiert. Dieser Verband hat sich in ganz außerordentlicher Weise hinter den Kulissen für das Lebenspartnerschaftsgesetz engagiert - vor allem in Gestalt seiner Bundesvorsitzenden Sigrid Pusch und ihres Ehemannes Uwe. Der BEFAH ist dabei maßgeblich durch die Initiative der gemeinsamen Elterngruppe von HuK Hannover und HOME überhaupt erst aus den (bisher nur informell miteinander vernetzten) örtlichen Elterninitiativen entstanden. Inzwischen ist er mit den meisten europäischen Schwesterverbänden bereits in einer europaweiten Dachorganisation namens EUROFLAG verbunden, wobei -FLAG für "Families of Lesbians And Gays" steht.

Da das alles irgendwie einmal von Hannover ausging und da auch dieser Kongreß von Hannover aus organisiert wurde, war es nur irgendwie natürlich, dass das Programm auch überproportional von Hannoveranern bestritten wurde. Aber das hat niemanden gestört, da die Vielfalt und die jeweilige Präsentation der Themen - wie in den Pausen zu hören war - die weit über hundert Eltern aus allen Regionen der Bundesrepublik ausnahmslos mit dem Gefühl nach Hause fahren ließ, in Berlin eine sehr lohnende und für die eigene Arbeit vor Ort stärkende und Mut machende Tagung erlebt zu haben. Deren Schirmherrin, Bundesfamilienministerin Dr. Christine Bergmann, eröffnete die Tagung persönlich am Freitagnachmittag mit einer pointierten und engagierten Ansprache. Ausdrücklich bedankte sie sich darin für die Unterstützung der Gesetzesinitiative der Bundesregierung durch den BEFAH.

Nach der Eröffnung teilte sich der Kongress zunächst in drei parallele Gesprächskreise mit den folgenden Themen: (1) "Was kann Schule, Jugendarbeit und Familie tun, um die Lebensbedingungen von homosexuellen Jugendlichen zu verbessern?" - (2) "Was haben Eltern homosexueller Kinder von der Kirche zu erwarten?" (Dieser Kreis formulierte eine Resolution an die beiden großen Kirchen.) - (3) "Mit welcher Motivation bin ich hier? Warum engagiere ich mich in einem Elternverband für mein homosexuelles Kind?". Die Plenarsitzungen am Samstag eröffnete Rainer Hoffschildt mit einem Vortrag über die Verfolgung der Homosexuellen in der Nazizeit. Danach sprach die lesbische Literaturwissenschaftlerin Prof. Luise F. Pusch, ebenfalls aus Hannover (aber mit der BEFAH-Vorsitzenden "weder verwandt noch verschwägert") über ihre Erfahrungen aus der Nachkriegszeit. Klaus und Wolfgang aus der HOME-Gruppe Vierzig Plus berichteten dann aus ihrer 34jährigen Partnerschaft - und dies genau an ihrem 34. Jahrestag! Es folgte eine PolitikerInnen-Runde mit den Bundestags-Abgeordneten Hanna Wolf (SPD), Ilse Falk (CDU), Ina Lenke (FDP) und Christina Schenk (PDS und erste offen lesbische Frau im Bundestag). Die Grünen waren durch den (selbst schwulen) Berliner Landtagsabgeordneten Bernhard Weinschütz vertreten. Neben Frau Lenke hatte insbesondere Frau Falk einen schweren Stand, musste sie sich doch die Wut und Enttäuschung der Eltern über die Politik und das homofeindliche Auftreten ihrer Fraktion und der beiden C-Parteien anhören. Dabei hatte sie ja im Bundestag eine bemerkenswerte Rede zu unserer Sache gehalten und hat es sicherlich nicht leicht, in ihrer Partei für einen Kurs der Toleranz mit Zielvorstellung Akzeptanz einzutreten.

Die BEFAH-Schwesterorganisationen aus England, Italien und der Schweiz waren mit Delegationen vertreten und stellten sich und ihre Arbeit vor. Die italienische AGEDO steuerte zum Programm auch einen bemerkenswerten Film bei (in Italienisch mit deutschen Untertiteln) "Niemand ist Gleich" ("Nessuno Uguale"): 1998 in Zusammenarbeit mit der Provinz Mailand erstellt, zeigt er ein Schulprojekt, bei dem zunächst heterosexuelle Schüler ihre Vorurteile über unsereins diskutierten. Dann kamen homosexuelle Jugendliche dazu, erzählten von ihrem Coming out-Prozess, ihren Ängsten und Erfahrungen, und setzten dadurch Lernprozesse bei den Heteros in Gang, über die dann auch miteinander geredet wurde. Der Film wird in Italien inzwischen zur Aufklärung an den Schulen eingesetzt und wird mit Untertiteln in anderen Sprachen auch im Ausland verbreitet.

Vertreter von LSVD, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und DAH berichteten im Übrigen noch über Themen wie CSD samt aktueller Planungen, Coming out-Prozesse und Probleme und Fragen im Zusammenhang mit AIDS. Aber auch die Kultur kam nicht zu kurz: So präsentierte das Lesben-Kabarett-Duo Die Frittösen aus Hamburg am Samstagabend Ausschnitte aus seinem/ihrem Programm und am Sonntagnachmittag klang für einen großen Teil der Teilnehmer das Treffen mit der Berlin-Revue im Friedrichstadt-Palast aus. Auch darin wurde die Bedeutung der Lesben und Schwulen in der Kulturgeschichte der Hauptstadt gebührend gewürdigt - und das nicht einmal "extra für uns"!





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