Mein erster schwuler Film



Von Bernd König

(Erstveröffentlichung Mimikry 13 (4) 9 (1998),
kommentierter Nachdruck in Homoluja Nr. 78 (Nov. 03 - März 04) 40-41 (2003))

Nach eifrigem Besuch des schwul-lesbischen Filmfestivals in Hannover und ein paar Gläschen Rotwein kamen mir eines Abends meine frühesten kineastischen Erfahrungen wieder in den Sinn:

Meinen ersten schwulen Film sah ich nämlich im zarten Alter von 12 Jahren. Zugegeben, das ist gut 30 Jahre her und damals gab es eigentlich noch gar keine schwulen Filme. Aber wenn ein schwuler Junge von 12 Jahren, gerade der bunten Zeichentrickfilmwelt von Walt Disney entwachsen, zum ersten Mal im Leben einen richtigen Kinofilm sieht, kann es halt sehr leicht passieren, daß er dann einen schwulen Film sieht.

Mein erster schwuler Film jedenfalls hieß "My Fair Lady" und war zugegebenermaßen nicht in jeder Hinsicht so ganz gelungen. Gleich zu Beginn verliebte ich mich bis über beide Ohren in den Hauptdarsteller, Rex Harrison. Er spielte den Professor Higgins, einen Sprachforscher, der vor dem Opernhaus nach einer Vorstellung einen seiner Fachkollegen und Bewunderer kennenlernt - Oberst Pickering - und diesen dann auch gleich einlädt, mit zu ihm nach Haus zu kommen und bei ihm zu wohnen. Der geht aber ran, dachte ich mir, fand Rex Harrison gleich noch viel aufregender und wäre am allerliebsten sofort an Stelle von Oberst Pickering gewesen. Leider kamen dann erste Längen: Um nicht weiter aufzufallen, unterhielten sich die beiden im Weggehen noch über Sprachforschung. Doch statt ihre Ankunft in Higgin´s Haus zu zeigen und dann zum Wesentlichen zu kommen, schweift der Film ärgerlicherweise auf die Nebenhandlung ab. Darin geht es um ein schlecht berlinerndes Blumenmädchen namens Eliza Doolittle, die sich irgendwo ein Zimmer mieten will, und um ihren versoffenen und eher unattraktiven Vater. Als dann am nächsten Morgen die Handlung endlich in Higgin´s Haus weitergeht, sind beide Männer schon wieder vollständig angezogen. Sehr merkwürdig finde ich es, daß sie sich danach immer noch siezen, aber vielleicht macht man das in England ja so. Die Apparate in Higgins´ Haus und ihre Vorführung lassen mir aber keine Zeit, mich noch lange darüber zu wundern. Noch mehr beeindruckt mich die Bücherwand oberhalb der Wendeltreppe: die vielen Bücher, die wissenschaftlichen Apparate und die schönen altenglischen Möbel begeistern mich total und prägen sich mir unauslöschlich ein: so oder so ähnlich wie Prof. Higgins und Oberst Pickering möchte ich mit meinem Freund später auch einmal wohnen! Bevor Prof. Higgins in dieser Umgebung ein ganz tolles, lustiges Lied über das Thema singt, wie einem die Frauen auf die Nerven fallen und daß er an Frauen überhaupt kein Interesse hat, stört die bereits erwähnte Eliza Doolittle die beiden Männer bei ihrer Arbeit, weil sie bei Prof. Higgins richtig sprechen lernen möchte. Nicht gerade toll finde ich es dann, daß sie deswegen auch noch mit im Hause wohnen soll und daß dort offenbar auch sehr viel weibliches Personal beschäftigt ist. Ich überlege mir, selbst wenn ich mal viel Geld haben würde, würde ich doch gar nicht so viel Personal brauchen. Schließlich hätte ich nicht gern immer so viele fremde Leute in meinem Zuhause herumlaufen, und schon gar keine Frauen. Ich hab ja nichts gegen Frauen, und zu Besuch können sie hin und wieder ruhig mal kommen. Aber ein Butler oder Sekretär und vielleicht noch 2, 3 junge Männer zum Saubermachen und für die Gartenarbeit - wenn man sich solchen Luxus leisten kann - das reicht doch völlig. Außerdem wäre es doch irgendwie blöd, wenn Prof. Higgins und der Oberst zum Beispiel in der Bibliothek plötzlich ganz große Lust aufeinander bekämen und es gleich an Ort und Stelle machen wollen. Wenn da dann ´ne Frau dazwischenplatzt, die dort Staub wischen will, vergeht einem ja gleich die ganze Lust und irgendwie peinlich wär´s auch. So ´ne Frau fühlt ja wahrscheinlich doch ganz anders als wir. Bei einem männlichen Diener kann das nicht passieren - der könnte sich ja auch notfalls schnell die Hose runterziehen und mitmachen. Während ich noch diesen Überlegungen nachgehe und mich wundere, was sich die Hersteller des Films bei sowas wohl gedacht haben mögen, folgte das bereits erwähnte Lied über die Frauen - also sitze ich doch im richtigen Film. Wieso Higgins aber davon redet, Junggeselle bleiben zu wollen, wo er doch jetzt den Pickering bei sich hat, verstehe ich auch wieder nicht. Abgesehen von ein paar z.T. sehr schönen Melodien (vor allem "Ich hätt´ getanzt heut´ nacht") fällt der restliche Film dann doch sehr ab - obwohl das mit der gewonnenen Wette, das Blumenmädchen zur vornehmen Dame zu machen, schon irgendwie interessant ist. Zwischendurch gibt´s noch mal einen Lichtblick, als sich ein netter, junger Mann namens Freddy in Eliza verliebt und dabei auch ganz hübsch singt. Doch leider klappt das nicht und so bringt Eliza schließlich die beiden Männer auseinander und polt sogar den Higgins noch regelrecht um.

Rex Harrison als Prof. Higgins

Da war ich doch ziemlich traurig - so schön der Film mit all der Musik und Rex Harrison und der tollen Bücherwand auch war - und fragte meine Eltern, ob es dann bald eine Fortsetzung geben würde. Die gibt´s meines Wissens bis heute nicht, obwohl ich damals schon gleich einen ziemlich guten Rohentwurf für das Drehbuch von "My Fair Lady II" im Kopf hatte: Darin findet Eliza doch wieder zu Freddy zurück - oder sie findet eine nette Frau, die sowieso viel besser zu ihr paßt - und Higgins wird wieder normal, besinnt sich auf Pickering und fängt nun wirklich nichts mehr mit Frauen an. Die Haushälterin und das übrige weibliche Personal wechseln zu Eliza und dafür stellen Higgins und Pickering noch ein paar hübsche Jungs ein, vielleicht auch Farbige darunter. Mit mir in der Rolle des Pickering würde das ganz bestimmt ein Riesenerfolg.




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