Wie können wir unseren heterosexuellen Mitmenschen helfen ? |
Von Bernd König(Aus: Mimikry 12 (2) 12-13 + 15 (1997)) Jede(r) von uns, liebe Freundinnen und Freunde, hat reichliche Erfahrungen machen müssen mit den Problemen, die viele unserer heterosexuell veranlagten Mitmenschen mit der Sexualität im Allgemeinen und der Frage der sexuellen Orientierung im Besonderen haben. Ich sage bewusst "viele", denn die meisten von uns haben im heterosexuellen Segment ihres Freundeskreises ja etliche, die damit ganz normal und unverkrampft umgehen. Damit meine ich die, bei denen wir uns nach dem Coming out-Gespräch hinterher immer gefragt haben, weshalb wir uns davor soviel Stress gemacht haben. Die anderen dagegen sind manchmal seit jenem Gespräch nicht mehr unsere Freunde und wir haben sie seither "aus den Augen verloren." Denen, die mit uns nichts zu tun haben wollen und die für ein Gespräch nicht erreichbar sind, können wir leider nicht helfen. Zwischen beiden Extremen gibt es nun aber auch solche, die zwar ihre Probleme haben, aber dennoch mit uns im Gespräch bleiben. Wenn wir verständnisvoll bleiben und sie nicht allzu deutlich spüren lassen, dass sie es sind und nicht wir, die Probleme haben, haben wir sicherlich schon die wichtigste Voraussetzung zum Helfen erfüllt. Wichtig ist außerdem meiner Meinung nach, dass wir realistisch bleiben und nicht erwarten, auch bei den sattsam bekannten Schein-Toleranten etwas bewegen zu können, die an ihrem Motto erkennbar sind: "Ich hab` ja gar nichts gegen Homosexuelle, aber ...". Bei denen müssen wir uns halt darüber im Klaren bleiben, dass sie um ihre psychischen Probleme einen solch dicken, gummiartigen Wall der `political correctness´ gelegt haben, dass daran jede noch so gut gemeinte Hilfestellung abprallt. Wer zufällig vor ein paar Wochen in der Hans Meiser-Talkshow mit unserem schwulen Pastor Hans-Jürgen Meyer von der HuK Hannover einen gewissen Psycho-Theologie-Professor gesehen hat, hat ein gutes Beispiel vor Augen, was ich damit meine. Damit, liebe Freundinnen und Freunde, wird klar, was ich mit meiner Eingangsfrage nicht gemeint habe: Es kann und darf uns nicht darum gehen, unsere heterosexuellen Mitmenschen von ihrer unglücklichen Veranlagung abzubringen, um ihnen zu einem erfüllteren schwulen oder lesbischen Leben zu verhelfen, auch wenn wir das aus Menschenfreundlichkeit gerne täten. Vielleicht erinnert Ihr Euch ähnlich wie ich noch an die Zeit, als das ganze Elend anfing: War zuerst in der Kindheit alles noch ganz normal gewesen - Jungs interessierten sich nur für Jungs, Mädchen nur für Mädchen -, überraschten uns unsere MitschülerInnen dann früher oder später damit, dass sie nur noch das andere Geschlecht im Kopf zu haben schienen und wir nichts Vernünftiges mehr mit ihnen anfangen konnten. Wahrscheinlich hat Euch das damals ebenso fürchterlich irritiert wie mich, waren die VertreterInnen des anderen Geschlechts doch objektiv gesehen immer noch genauso uninteressant wie zuvor. Und dabei wurden die des eigenen - von ihrem merkwürdigen Verhalten abgesehen - doch ständig interessanter, je männlicher/weiblicher ihre Erscheinung wurde. Damals hätte ich jedenfalls meinen Klassenkameraden wirklich gern geholfen, traute mich aber nicht, auch nur einen Ton zu sagen. Habt Ihr auch zeitweise befürchtet, selbst diesem seltsamen Phänomen anheimzufallen, bis Euch eine innere Stimme beruhigte, dass solcherlei Ängste völlig unbegründet sind? Anders als zu jener Zeit, in der ich das so erlebte, sind heutzutage diese Fragen eindeutig dahingehend geklärt, dass die heterosexuelle Orientierung eines Menschen eine genau so natürliche, unumkehrbare Sache ist wie die homosexuelle - sie ist nicht krankhaft und daher besteht weder der Bedarf noch die Notwendigkeit einer Therapie. Wenn ich das als Laie richtig mitbekommen habe, ist man sich in Fachkreisen heutzutage aber ebenso darüber einig, dass es sich bei der Homophobie um eine ernstzunehmende psychische Störung handelt, die dringend einer Therapie bedarf. Man könnte sie als irrationale Angst vor einer Reihe von ganz natürlichen Dingen beschreiben - von Intimitäten mit Personen des eigenen Geschlechts bis hin zur bloßen flüchtigen Begegnung mit uns Homosexuellen, ja bis zur bloßen Kenntnisnahme, dass es uns gibt. Diese Krankheit ist am ehesten vergleichbar mit Klaustrophobie oder ihrem Gegenstück Agoraphobie (irrationaler Angst vor engen Räumen oder weiten Plätzen), übertriebenen Ängsten vor ganz harmlosen Tieren etc. etc. Auch die Angst, als schwul oder lesbisch angesehen oder bezeichnet zu werden, gleichgültig ob zu Recht oder fälschlich, ist eine Erscheinungsform von Homophobie. Eine schwerwiegende Komplikation dieses Problems besteht nämlich darin, dass diese Erkrankung leider auch uns Homosexuelle selbst befallen kann. Sie kann in schlimmen Fällen bis zu Selbstmord oder Mord führen, zu einem Zwang, sich und andere ins Verderben zu stürzen. Ein Beispiel dafür ist Thema von Benjamin Britten´s Oper Billy Budd, die kürzlich im Opernhaus aufgeführt wurde, wo ein Schiffsoffizier nicht mit seinen Empfindungen für den schönen Titelhelden zurechtkommt. Insofern mutmaßlich die Homophobie, wenn sie bei unsereins auftritt, durch Homophobie im persönlichen, dann meistens überwiegend heterosexuell geprägten Umfeld des/der Betroffenen hervorgerufen wurde, helfen wir uns selbst, wenn wir den erkrankten Heteros helfen. Wie man/frau am besten auf Menschen zugeht, die offensichtlich unter Homophobie leiden, können uns unsere psychotherapeutisch geschulten Fachleute sicher sehr viel kompetenter sagen als ich. (Mal sehen, vielleicht greift ja eine(r) das Thema in der nächsten Mimikry auf ?) Ohne dem vorgreifen zu wollen, möchte ich dabei aber schon gleich auf das Problem hinweisen, dass sich gerade die von dieser Krankheit am schwersten Betroffenen als in besonderem Maße gesund fühlen, ja womöglich sogar als die einzig wirklich Gesunden in der Welt. Derartige Wahnvorstellungen erschweren naturgemäß jegliche Therapieversuche ganz ungemein. Speziell soweit es die aufs Schwulsein bezogene Homophobie betrifft, habe ich allmählich den Eindruck gewonnen, dass sie noch mit einer zweiten, bisher meines Wissens davon begrifflich nicht unterschiedenen Phobie verquickt ist: Ich stelle hiermit das bisher vollkommen vernachlässigte Phänomen der Virilophobie zur Diskussion, abgeleitet von viril = männlich. Es scheint in heterosexuellen Kreisen durchaus verbreitet zu sein, muss vielleicht gar nicht unbedingt etwas mit Homophobie zu tun haben und lässt sich speziell bei Hetero-Männern vielleicht am besten mit Worten aus einem Text der Gruppe `Brühwarm´ charakterisieren, in dem es heißt "... die können nicht mal den eigenen Schwanz riechen". Das Phänomen kennen wir alle aus den Heten-Softpornos der 60er und 70er Jahre: Da werden die Girls von der Kamera aus allen erdenklichen Perspektiven gezeigt - es fehlt eigentlich nur noch die Kamerafahrt ganz in die "Muschi" hinein (um sprachlich am Original zu bleiben). Von den Boys sehen wir dagegen allerhöchstens einmal den knackigen Hintern. Noch auffälliger wird das heute bei der Wiedergabe von Stripnummern im Fernsehen: Einem Damenstrip, gern und oft gezeigt, so z.B. im Krimi unter dem Vorwand von Recherchen eines TV-Kommissars im Rotlicht-Milieu, folgt die Kamera genüsslich und bis zu ein paar Minuten lang ohne Unterbrechung. Ein erotischer Männerstrip, ohnehin kaum einmal zu sehen, endet nicht nur im Gegensatz zu dem der Damen praktisch immer vor dem Ablegen des knappen Minis, sondern weist in schöner Regelmäßigkeit noch eine weitere Besonderheit gegenüber dem weiblichen Gegenstück auf: Während sich dort so gut wie nie die Kamera für die Reaktion des Publikums interessiert, wird diese beim Männerstrip seltsamerweise zum eigentlichen Gegenstand des (Kamera-) Interesses. Würde man mit einer Stoppuhr nachkontrollieren, so käme man im Falle des Damenstrips schätzungsweise hinsichtlich des Zeitanteils auf 100 - 95 % Strip und 0 - 5 % Publikumsreaktionen, die wenn überhaupt zusammenhängend als maximal eine Unterbrechung des Strips vorgeführt werden - oder gleich an dessen Ende, um den (männlichen Hetero-) Zuschauer nicht zu verärgern. Wird jedoch ein Männerstrip gezeigt, so ruht für 30 bis maximal 40 % der Gesamtdauer das Kameraauge auf dem oder den Stripper(n), die Mehrheit der Zeit jedoch auf den Reaktionen des in der Regel weiblichen Publikums. Diese 60 bis 70 % werden dann auf mehrere Einblendungen so gleichmäßig und geschickt aufgeteilt, dass der Fernsehzuschauer keinem einzelnen Element der Stripdarbietung von Anfang bis Ende folgen kann, und sei es noch so kurz. Es wird dadurch systematisch dafür gesorgt, dass beim Betrachter keine erotische Atmosphäre aufkommen kann und ins häusliche Wohnzimmer vermittelt wird. Dass nicht nur bei uns schwulen und bisexuellen Männern, sondern sicherlich auch beim weiblichen Heteropublikum derartiger TV-Zumutungen da statt Lust eher Frust aufkommt, wird von den Fernsehsendern offenbar nicht nur in Kauf genommen, sondern sogar angestrebt. Heteromännern dergleichen zuzumuten, kommen die Sender offenbar gar nicht erst auf die Idee. Nun erzähle mir aber keiner, dass das nur an homophobie-kranken Kameramännern liegen kann, die auf diese Weise und um jeden Preis dem Verdacht des Schwulseins entgehen wollen. Wenn eine Gesellschaft offensichtliche Probleme mit der natürlichen Nacktheit eines der beiden Geschlechter hat, dann stimmt doch da etwas nicht. Wenn eine Gesellschaft es nur bei einem der beiden Geschlechter zulassen kann, erotische Entwicklungen in einer Strip-Darbietung zu zeigen, dann ist sie krank. Mindestens aber sind es die Verantwortlichen, die glauben, dass das so sein muss. Virilophobie ist, so meine ich, der passende Ausdruck für dieses Phänomen. (Um Missverständnissen vorzubeugen: "erotische Entwicklungen" vermag ich persönlich nur im Männerstrip zu sehen - wenn man sie mich dann sehen ließe. Unseren lesbischen Freundinnen empfehle ich zum besseren Verständnis des Vorstehenden, sich einmal vorzustellen, bei Damenstrip-Szenen im Fernsehen in der Hauptsache und spätestens alle 10 Sekunden in gaffende Männergesichter zu blicken.) Nun ist es aber nicht nur (unsere) sexuelle Orientierung, mit der einige unserer Hetero-Mitmenschen Probleme haben, sondern auch die Sexualität im Allgemeinen (besonders deren eigene), wie ich schon eingangs sagte. Ich entnehme das jedenfalls aus manchen häufig wiederkehrenden Äußerungen der Betroffenen, auf deren Richtigkeit und Authentizität ich in diesem Falle bauen muss. Ich selbst kann das ja nicht so leicht nachvollziehen, da mir heterosexuelles Empfinden und Erleben völlig wesensfremd sind. Das Problem dieser an sich bedauernswerten Mitmenschen besteht darin - wenn ich das richtig verstanden habe -, dass sie zutiefst davon überzeugt sind, dass Sexualität ausschließlich um der Fortpflanzung willen da sei. Manche von ihnen sind sogar dermaßen von dieser fixen Idee beherrscht, dass sie unsereins allein deswegen ablehnen, obwohl sie gegen uns als Menschen ja gar nichts haben, wie sie dann schnell hinzufügen. Sicherlich erzeugt schon dieses Gefühl, uns ablehnen zu müssen obwohl sie das doch eigentlich gar nicht wollen, in ihnen einen erheblichen Leidensdruck. Es kommt aber noch schlimmer: Von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen daran gehindert, die ihnen biologisch maximal mögliche Zahl von Kindern in die Welt zu setzen, müssen sie bei der Ausübung ihrer Sexualität fast immer zu Verhütungsmitteln greifen und können es daher wahrscheinlich wegen schlechten Gewissens so gut wie nie wirklich genießen. Und das nicht nur in der Partnerschaft und beim Sex aus purer gegenseitiger Zuneigung: Nein, da gibt es eine Unzahl von Freiern, die Nacht für Nacht in den Bordellen dieser Welt sich nicht nur mit körperlichem, sondern auch nicht unbeträchtlichem finanziellen Einsatz um ihre Fortpflanzung bemühen und dabei die traurige Tatsache geflissentlich verdrängen, dass sie von ihren Geschäftspartnerinnen in aller Regel schnöde um den Erfolg dieses Einsatzes gebracht werden. Selbst wenn sie das allmählich zu begreifen beginnen, kann diese Einsicht sie dennoch nicht davon abhalten, es wieder und wieder zu versuchen - wenn das nicht tragisch ist, was dann ? Zum Glück, liebe Freundinnen und Freunde, können wir all diesen bedauernswerten Menschen helfen! Auch wenn sie das zuerst vielleicht gar nicht fassen können: sagen wir ihnen doch einfach, dass die Evolution weitergegangen ist (und hier weiß ich als Biologe am besten, wovon ich spreche). Gewiss, noch vor etwas mehr als gerade mal 600 Millionen Jahren, grob geschätzt, ging´s beim Sex wahrscheinlich tatsächlich nur um die Fortpflanzung. Seither hat sich die Tierwelt aber nun einmal ganz erheblich weiter entwickelt, auch wenn das manchen irgendwie entgangen zu sein scheint. Sex zu haben wurde währenddessen nicht nur zu einem körperlichen Grundbedürfnis wie Essen und Trinken. Nein, zumindest bei höher entwickelten Tieren wie Vögeln und Säugern zum Beispiel geht´s dabei nun auch um Beziehungen der Individuen zueinander - und damit um Gefühle. Dass manche selbsternannte Moralapostel das mangels eigener Erfahrung nicht begreifen können, ist eine Sache - die wir den Opfern des sogenannten Zölibats noch nicht einmal übelnehmen dürfen. Dass diese Leute damit behaupten, wir Menschen + Tiere seien in der psychischen Entwicklung auf dem Stadium von vor 600 Millionen Jahren stehengeblieben, ist aber dann doch schon eine arge Zumutung. Von diesen angeblich so tief in der Evolution stehengebliebenen Wesen - zumindest von uns Menschen - gleichzeitig dann aber wiederum "moralisches Verhalten" einzufordern, lässt jedes Mindestmaß an logischem Denken vermissen. Wenn unsere bedauernswerten Hetero-Mitmenschen, die am geschilderten Problem leiden, das erst einmal begriffen haben sollten, steht auch für Sie einem ähnlich freudvollen Sexualleben wie dem unseren hoffentlich nichts mehr im Wege. Das ist doch wohl der Verlust ihrer Überheblichkeit uns gegenüber allemal wert - oder ? |
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