Das Problem der Heterosexualität im Blick auf die biologische Evolution



Von Bernd König

(Aus: Mimikry 12 (3) 8 + 22 (1997))

Eure durchwegs sehr positiven Reaktionen auf meinen Beitrag in der letzten Mimikry, liebe Freunde und Freundinnen, ermunterten mich dazu, noch ein weiteres Mal auf das für eine schwul-lesbische Zeitschrift wie die unsere doch eher abseitige Thema der Heterosexualität zu sprechen zu kommen. Ich knüpfe dabei an den gegen Ende des vorigen Beitrages kurz gestreiften Aspekt der Evolution an - eine Thematik, die mich als Biologen natürlich immer sehr beschäftigt hat, weil nämlich früher oder später jedes biowissenschaftliche Problem auch die Frage nach seiner Evolution aufwirft. Das gilt gleichermaßen bei der Erforschung der Feinstruktur eines Organismus oder eines ganzen Ökosystems, bei Studien über biologisch aktive Naturstoffe (zum Beispiel für die Medizin) oder über die Reaktion von Organismen auf Umweltschadstoffe, und das gilt natürlich erst recht beim heutigen Umweltproblem Nr.1, der (menschlichen) Heterosexualität. Neben einer Skizze zur Einordnung des Problems in den Ablauf der Evolution des Lebens auf der Erde werde ich mir einen kleinen Seitenblick auf das ganz anders geartete Problem des Heterosexismus nicht ganz verkneifen können, denn wie Ihr sehen werdet, sind beide auf geradezu tragische Weise miteinander verknüpft.

Um die Heterosexualität im biologischen Zusammenhang richtig einordnen und verstehen zu können, müssen wir uns zumindest im Schnelldurchgang die Geschichte des Lebens vergegenwärtigen. Wenn wir das tun, entdecken wir eine Gesetzmäßigkeit, die man salopp so formulieren könnte : Das Leben schafft sich seine Probleme selber. Das soll heißen, seit der Entstehung des Lebens hat "es" sich selbst immer wieder in eine katastrophale Situation manövriert - in globale Umweltkatastrophen, würde man heute sagen. Irgendwie hat es aber noch jedes Mal wieder einen Ausweg gefunden. Der führte dann entweder selbst früher oder später zu einer neuen Umweltkatastrophe oder gab den Weg dahin frei. So ist die heutige kritische Situation des Lebens auf der Erde nur die bislang letzte in einer ganzen Kette, die schon vor etwas mehr als 3,8 Milliarden Jahren begann. Zwar hat das aktuelle Problem besonders viele Facetten, die wir als Energiekrise, Treibhauseffekt, Regenwaldzerstörung und so weiter beschreiben. Deren gemeinsamer Kern ist aber bekanntlich die ungebremste Vermehrung einer einzelnen Art, unserer eigenen nämlich. Machen wir`s also Vox Homana nach, nehmen wir unseren High Tech Dildo und reisen nicht nur schlappe 2448, sondern gleich 3,8 Milliarden warme Jahre zurück. [Anspielung auf das Zeitreise-Programm des hannoverschen schwulen Männerchors Vox Homana]

Nun, irgendwie entstand damals in einer "Ursuppe" aus "abiotisch" (nicht-biologisch) gebildeten Ur-Biomolekülen das Leben, indem sich gleichsam Tropfen der Ursuppe mit Membranen umgaben und sich damit vom Rest der Welt abgrenzten. Dabei dürften unter einer schier unvorstellbar großen Zahl solcher Zell-Vorformen oder Mikrosphären nur wenige wirklich funktionsfähige Gebilde gewesen sein - funktionstüchtig im Sinne der Fähigkeit zur Selbstreproduktion. Das heißt, dass jeder Organismus aus einer Art "Bauanleitung" sowie aus allem jenem "Werkzeug" besteht, das notwendig ist, ein weiteres Exemplar seiner selbst herzustellen. Dabei ist dann aber dieses weitere Exemplar keine vollkommen exakte Kopie der "Vorlage", sondern weicht nahezu immer in kleinen Details von ihr ab. Das ist gerade der Trick dabei: Nur dank der kleinen Unterschiede in Struktur und Funktion können unter den Nachkommen einer Zelle unterschiedlich gute Anpassungen an die Umweltbedingungen auftreten, ihre Chancen wahrnehmen und sich wiederum in ihren Nachkommen weiterentwickeln. Wäre der Kopiervorgang der Erbsubstanz 100%ig genau, wäre die Erde auch heute noch bloß von Mikrosphären besiedelt.

Aus der Vielzahl früher "Versuche" (einen lebenden Organismus zu bilden) überlebten so auf unserer Erde wahrscheinlich nur die Nachkommen eines einzelnen, von dem dann alles heutige Leben abstammt. Diese unsere entferntesten Vorfahren konnten dabei zunächst aus der sie umgebenden Ursuppe alle jene einfacheren Moleküle entnehmen, die sie als Bausteine für ihre Selbstreproduktion brauchten. Chemische und physikalische Prozesse hatten diese Stoffe entstehen lassen und solange es kein Leben gab, konnten auch nur andere chemische und physikalische Prozesse sie wieder zum Verschwinden bringen. Auf einmal aber wurden sie aufgefressen, und das womöglich ziemlich schnell. Da war die erste Umweltkatastrophe des noch jungen Lebens da: diese Stoffe selbst herzustellen, mussten die Organismen erst noch lernen.

Das gelang, und damit konnte die Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten weitergehen. Der nächste große Durchbruch war dann die "Erfindung", das Sonnenlicht als Energiequelle zu nutzen. Stofflich nahm "man" dazu, was "man" so hatte - zum Beispiel Schwefelwasserstoff. Bevor Ihr jetzt die Nase rümpft: mit Wasser (H2O statt H2S) geht’s natürlich mindestens ebenso gut - also gingen einige Organismen zum Wasser über, das ja viel leichter zu erhalten war. Nur an ein kleines Problem hatten diese Organismen dabei nicht "gedacht": Statt vergleichsweise harmlosen elementaren Schwefel "als Müll in der Landschaft abzuladen" (zum Beispiel als Bodensatz im Urozean), setzten sie dabei ein äußerst aggressives Giftgas frei - Sauerstoff! Da damals zunächst sowohl die Atmosphäre als auch die Gesteine dieses Gift noch binden konnten, ging die Geschichte zuerst noch etliche Millionen Jahre gut, doch stand die größte denkbare Umweltkatastrophe, nämlich die potentielle Ausrottung allen Lebens, über all diese Zeiträume immer wieder unmittelbar bevor!

Da aber kam durch eine Mutation irgendwo auf der Welt ein Bakterium "auf die Idee", dieses giftige Abfallprodukt der Sonnenenergiegewinnung - den Sauerstoff - zu verwerten, indem es eine bereits vorhandene Elektronentransportkette (der Photosynthese) etwas umbaute. Diese Recyclingtechnologie erwies sich als so erfolgreich, dass für die weitaus größte Zahl heute lebender Organismen - uns selbst eingeschlossen - Sauerstoff kein todbringendes Gift mehr ist, sondern zum Leben absolut notwendig: So ändern sich halt die Zeiten.

Hier haben wir gleich ein Beispiel für eine der wichtigsten Methoden, derer sich die Evolution bedient: die Umnutzung bereits bestehender Reaktionswege, Strukturen und sogar Verhaltensweisen für ganz neuartige Zwecke - bei entsprechenden Abänderungen dieser "Gegebenheiten". So wurden aus Kiefergelenkknochen entfernter Vorfahren unsere heutigen Hörknöchelchen. Doch auch wenn wir Menschen heute Sex machen, um Liebe zum und Zusammengehörigkeit mit dem Partner auszudrücken, ist das ein klassisches Beispiel für den Funktionswandel von Elementen in der Biologie.

Sex an sich ist dabei auch eine "Erfindung" der Bakterien und dient ihnen zum Austausch genetischer Information - zum Beispiel der Information, wie ein Antibiotikum unwirksam gemacht werden kann. Dazu bildet das eine Bakterium beispielsweise einen kleinen Schlauch zur und durch die Wand eines anderen - den sogenannten Sex-Pilus - und schiebt darin die Information in Form von Nukleinsäure rüber. Mit der Fortpflanzung hat das gar nichts zu tun - die erfolgt ja bei den Bakterien durch einfache Zellteilung, Knospung etc.. Als Einzeller haben sie dabei den Vorteil der potentiellen Unsterblichkeit, insofern das "Elternbakterium" in seinen beiden "Teilungsnachkommen" unmittelbar weiterleben kann. Mit der Mehrzelligkeit kam dann der individuelle Tod als unausweichlicher Regelfall in die Welt. Zuvor versucht der mehrzellige Organismus Nachkommen zu erzeugen, so dass wenigstens sein Erbgut überlebt. Dabei kann die Mischung mit dem Erbgut eines Partners derselben Art die Chancen der Nachkommen in einer sich wandelnden Umwelt in der Regel verbessern - Zweigeschlechtlichkeit unter Verknüpfung von Sex und Fortpflanzung waren die Folge - und das Tempo der Evolution beschleunigte sich ganz erheblich.

Das ging dann soweit, dass höhere (tierische) Organismen so etwas wie Gefühle entwickelten. Sex bekam die Funktion eines "Sozialkitts" und wurde dabei zugleich zu einem Bedürfnis des Individuums, ohne dessen Erfüllung die Gesundheit Schaden nehmen kann. Die Verknüpfung von Fortpflanzung und Sex löste sich dadurch jedoch immer mehr auf: Bereits unser nächster Verwandter, der Bonobo oder Zwergschimpanse, treibt es (hetero-, homo- und zärtlich-pädosexuell) zwar viel öfter und ausdauernder als jeder Mensch, aber nur in den seltensten Ausnahmefällen zum Zwecke der Fortpflanzung. (Wobei nicht verschwiegen werden sollte, dass gleichgeschlechtlicher Sex, der ja nie zur Fortpflanzung führt, viel weiter im Tierreich verbreitet ist, als man gemeinhin denkt, und keineswegs etwa erst bei Menschenaffen zu finden ist - aber das wäre ein anderes Thema.)

Die Sexualität hat also einen ähnlichen Funktionswandel vollzogen wie seinerzeit die Elektronentransportkette der Photosynthese oder wie gewisse Kiefergelenkknöchelchen der frühen Wirbeltiere. In Verbindung mit verschiedenen anderen Evolutionsfortschritten einer einzelnen Tierart - des Menschen - hat sich ihre vorherrschende Erscheinungsform, die Heterosexualität, durch diesen Funktionswandel dann aber zum größten Umweltproblem der Gegenwart entwickelt - durchaus vergleichbar dem einstigen Problem der giftigen Abgasproduktion in Form von Sauerstoff: Solange die menschliche Bevölkerung noch den Unbilden der Witterung relativ schutzlos ausgeliefert war, von wilden Tieren gejagt wurde und sich medizinisch kaum helfen konnte, war es ja gar nicht so schlecht für die Erhaltung der Art, wenn das Ausdrücken zarter Gefühle oder die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse so nebenbei ungewollt auch die Produktion von Nachkommen mit sich brachte. So wie der Chemismus der Erdoberfläche einst mit dem überflüssigen Sauerstoff fertigwurde, so sorgten die harten Lebensumstände unserer Vorfahren dafür, dass unsere Art nicht überhandnahm. Doch genauso wie einstmals Gesteine und Atmosphäre an einen Punkt kamen, wo sie keinen Sauerstoff mehr aufnehmen konnten, so ist die Aufnahmekapazität unseres Planeten für uns Menschen nun mindestens erreicht, wenn nicht überschritten. In einer solchen Situation wird dann die früher einmal durchaus vorteilhafte Verknüpfung von Sex und Fortpflanzung im Falle der Heterosexualität zum ernsten Problem für die Zukunft unserer Erde.

Doch wie bei der Sauerstoff-Katastrophe und vielen anderen davor und danach zeichnet sich auch hier eine Lösung ab, deren Elemente schon existieren und nur der passenden Zusammenfügung harren : die Lösung des Problems gibt es nämlich zum Glück schon, und die heißt Homosexualität. Denn merke : "Homosexualität ist sicherer als die Pille." So gesehen liegt das Problem eigentlich nur noch darin, dass es viel zu viele Heterosexuelle und viel zu wenig Homosexuelle gibt. Man müsste halt nur das Verhältnis umkehren, um allen Menschen ein befriedigendes Liebesleben zu ermöglichen, ohne unsere Erde in die Katastrophe zu treiben. Wenn dann wirklich demnächst das "Homo-Gen" gefunden werden sollte, könnte man von einer solchen Entdeckung durchaus sinnvollen Gebrauch machen.

Spinnen wir einmal diese Überlegung weiter, so sollten wir von vornherein nicht auf die Idee verfallen, die Heterosexualität zum Verschwinden bringen zu wollen. Das würde nur zu einer kulturellen Verarmung führen - und wir wollen ja auch nicht "homosexistisch" sein - schließlich haben wir unsere Erfahrungen mit dem Heterosexismus, und die sind übel genug.

So ist es relativ neu und immer noch eher selten (verglichen mit unserer Zahl im wirklichen Leben), dass wir beispielsweise im Film und im Fernsehen überhaupt (einigermaßen realistisch) vorkommen. Noch immer gar nicht selten sind leider Heteros, die sich gestört fühlen, sobald wir irgendwo sichtbar werden und womöglich gleiche Rechte einfordern. Vom zwanghaften Ausblenden der Realität unserer Existenz führt die Spannbreite des Heterosexismus eben leider immer noch bis zu der Vorstellung, man müsse Homosexualität zugunsten der Heterosexualität beseitigen. So würde der oder die heterosexistische Hetero/a die Entdeckung eines "Homo-Gens" lieber zur Verschärfung der Katastrophe einsetzen als zu ihrer Lösung, indem er/sie statt für die Verbreitung dieses wertvollen Gens in der menschlichen Bevölkerung eher für seine gentechnische Ausrottung eintreten würde. (Mit dem Stück "Der letzte Gold" [damals am Theater in Kassel aufgeführt] wurde dieses Thema ja auch schon auf die Bühne gebracht.)

Dass dem Heterosexismus nur schwer mit Vernunft und Logik beizukommen ist, zeigt das Beispiel des größten Volkes der Erde: Da quält man sich auf der einen Seite mit Kampagnen für die Ein-Kind-Familie herum, um den Bevölkerungsanstieg einzudämmen, der alles Erreichte immer wieder förmlich "aufzufressen" droht. Statt sich nun aber über jeden Schwulen und jede Lesbe zu freuen, setzt man sie am liebsten so lange gesellschaftlichem Druck aus, bis auch noch der oder die letzte sich in eine Ehe zwängen lässt und Nachwuchs produziert - nur, um "das Gesicht zu wahren". Dabei ist der Heterosexismus ein westlicher "Kulturimport" aus der Kolonialzeit und den uralten Traditionen des Landes nachweislich fremd. Merkwürdig nur, dass man dort mit diesem Teil der kolonialen Vergangenheit offenbar keine Probleme hat! Solche Probleme gerade dort alsbald zu bekommen, könnte aber für die Lösung unseres globalen Problems sehr wichtig sein.

Wir sehen, im Prinzip wäre es möglich, dass auch diesesmal das Leben einer Katastrophe knapp entgeht, indem es nutzt, was es bislang entwickelt hat: menschliche Homosexualität und menschlichen Verstand samt einem seiner Produkte, der Genforschung. Fragt sich nur, ob der Verstand ausreichen oder vom Heterosexismus benebelt sein wird: Ohne Lösung des Heterosexismusproblems wird es wohl eine Lösung des Problems der Heterosexualität nicht geben.





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