BEFAH Bundeselterntreffen 2001 |
Persönliches Nachwort des Redakteurs
Rund 40 Jahre ist es nun her, da musste ich mir als 7- oder 8-jähriger Grundschüler von einem Lehrer anhören, dass ich mit meinen perversen Gedanken und Gefühlen in den Augen eines jeden normalen, anständigen Menschen ein abscheuliches Monster sei. Dabei wollte ich von ihm doch nur wissen, wann ich denn frühestens meinen besten Freund heiraten könne, in den ich doch so verliebt war. Dass das im Prinzip möglich sein müsste, hielt ich damals in meiner kindlichen Naivität für selbstverständlich, auch wenn mir noch nie ein gleichgeschlechtliches Ehepaar begegnet war. Doch ohne lange darüber nachzudenken, hielt ich das für puren Zufall und dem Umstand geschuldet, dass ich als kleiner Junge halt erst wenig von der Welt gesehen hatte. Eigentlich wollte ich mir auch nur die Hilfe dieses Lehrers bei der Formulierung meines Heiratsantrages an meinen Freund sichern, denn bei den Aushilfsstunden, die er ein paar Wochen zuvor in unserer Klasse gegeben hatte, war mir seine besondere Gabe aufgefallen, für alles immer sehr schöne und passende Worte zu finden. Die Worte, die er nun für mich fand, passten mir allerdings gar nicht. Heute kann ich dank des zeitlichen Abstands ja darüber reden, aber damals war ich nicht nur zutiefst darüber erschrocken, nein, der Ausdruck "verstört" trifft es wohl eher. Dies war jedenfalls eine von jenen Schlüsselszenen, die für mein viel zu spätes Coming out nicht ganz unwesentlich sein dürften. Dabei hatte ich wunderbare Eltern, die nur leider völlig ahnungslos waren. Vielleicht mag es ja manche Eltern trösten, die sich heute immer wieder fragen "Warum bloß hat unser Sohn / unsere Tochter nicht schon früher mit uns darüber geredet?": Neben der Zeit, die es zur Selbstfindung braucht, bis wir selbst uns sicher sind (was wohl eher selten schon vor der Pubertät der Fall ist), ist sicherlich auch nicht unwichtig, was wir uns alles schon an Verletzendem anhören mussten (was wir zum Teil noch erinnern, zum Teil aber auch verdrängt haben mögen). Jenes Gespräch mit dem Lehrer verließ ich damals in dem Glauben, ich würde meine Eltern in abgrundtiefe Verzweiflung stürzen, wenn ich ihnen meine wahren Gefühle für meinen Freund offenbaren würde (samt meines Wunsches, ihn zu heiraten). Wie glücklich wäre ich gewesen, hätte ich nur den kleinsten Anhaltspunkt dafür gehabt, hoffen zu dürfen, meine Eltern würden eine solche Offenbarung verkraften und damit leben können. Sie es wissen zu lassen und wenigstens nicht "daran" leiden zu sehen, war noch das Beste, was ich mir als Kind überhaupt hatte vorstellen können *. Mir einen ganzen Kongress voller Eltern auszumalen, die in aller Öffentlichkeit für gleiche Rechte ihrer gleichgeschlechtlich liebenden Kinder streiten, wäre mir nicht einmal in meinen kühnsten Träumen eingefallen.
Um so mehr freue ich mich, dass ich an diesen drei wundervollen Tagen in Berlin unter Ihnen sein durfte. Ich danke Ihnen für all die freundlichen Gespräche und grüße Sie alle herzlich -------------
* (Von meiner rechtlichen Benachteiligung ahnte ich ja zunächst noch nicht einmal etwas, wenn ich auch von der Existenz eines § 175 noch vor der ersten Revision der NS-Fassung erfahren sollte.) |
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