Es gibt keine Kathedralen bei Nandi



Von Bernd König

(Text aus: Homoluja Nr. 72 (Oktober 2000 - März 2001), S. 61 - 66 (2000))

Es gibt keine Kathedralen in Nandi. Nicht mal in der Umgebung. Mal ganz davon abgesehen, dass dieses Städtchen, genau genommen, "Nadi" geschrieben wird, obwohl man es "Nandi" spricht. Ebenso ist es beim internationalen Flughafen, den es dort gibt. Aber eben keine Kathedrale.

Die nächste steht erst in Suva, der Hauptstadt fast am anderen Ende der Insel. Von Nandi (ich bleib´mal dabei) sind das an die 200 Kilometer auf der Queens Road. Per Luftlinie wären es etwas weniger. Viti Levu, die größte der Fidschi-Inseln, ist immerhin ungefähr halb so groß wie Hessen. Und sie hat eine Kathedrale - die katholische Heilig-Herz-Kathedrale in Suva.



Kathedrale von Suva auf Briefmarken

Oben: Die Kathedrale von Suva auf Briefmarken

Rechts: Verkehrspolizist im gezackten Rock





Verkehrspolizist im Rock

Nicht, dass ich der viel Aufmerksamkeit geschenkt hätte, als ich später dort war. Da fand ich dann doch andere Dinge viel interessanter: den Botanischen Garten zum Beispiel oder das Museum. Ja, ich geb´s zu: auch die Wachsoldaten am Tor zum Park des Präsidentenpalastes in ihren gezackten Röcken sah ich mir wesentlich gründlicher an als die katholische Kathedrale. Dabei war ich damals selbst noch katholisch, hatte aber noch nie mit einem Mann geschlafen. Heute ist das genau umgekehrt. Gleich geblieben ist nur, dass ich immer noch sehr häufig an Männer, aber nur sehr selten an Kathedralen denke.

Nur ein ganz bestimmter Mann aus Nandi wird in meiner Erinnerung immer mit Kathedralen verbunden bleiben. Obwohl es dort, wie gesagt, gar keine gibt.

Fiji-Student in Laie (Oahu,Hawaii) Das wusste ich noch nicht, als ich damals tief in der Nacht verschlafen aus einer neuseeländischen Boeing kletterte und mit dem Asphalt des Flughafens erstmals den Boden von Fidschi betrat. (Ohne ihn zu küssen, den Boden - dergleichen überlass´ ich gern anderen.) Ich wusste auch sonst vieles noch nicht. Beispielsweise, dass hier (damals jedenfalls) schwuler Sex mit einer Haftstrafe von bis zu 14 Jahren bedroht war, die bloße Anmache schon mit immerhin 7 (laut Spartacus). Aber an Anmache dachte ich zu dieser unchristlichen Tages- oder besser Nachtzeit auch gar nicht. Obwohl - ich muss es zugeben - schon der Passkontrolleur, die Flughafenpolizisten und auch die Zöllner eine echte Versuchung darstellten: Kräftige braune Männer, die ihre krausen Haare zu einem kugelrunden Schopf gebändigt hatten. So eine Art Afro-Look; aber bei den eingeborenen Fidschianern wirkt es doch irgendwie anders. Ich hatte das schon mal gesehen, denn ein paar Jahre zuvor hatte ich erstmals diese gelungene und unverwechselbare Mischung melanesischer und polynesischer Merkmale in Gestalt eines Gaststudenten in Hawaii kennengelernt. Damals war ich noch verklemmter als in jenen Tagen auf Fidschi, so dass dabei nichts weiter herausgekommen ist als eine Reihe feuchter Träume. Doch jetzt um 4 Uhr morgens hatte ich nur das Eine im Sinn: möglichst schnell die Einreiseformalitäten hinter mich bringen, ein Auto mieten, zu dem kleinen Hotel fahren, das mir ein Bekannter in Tahiti empfohlen hatte - und dann erst mal ausschlafen. Wirklich schlafen! Also ohne einen anderen Mann.

Als ich dann nach einigem Herumgekurve zwischen Zuckerrohrfeldern das Hotel endlich gefunden hatte, sollte sich meine Meinung in dieser Hinsicht schlagartig ändern und irgendwie war ich dann auf einmal auch gar nicht mehr so müde. Dabei hätte ich, als ich vorm Haus den Motor abstellte, am liebsten gleich im Auto gepennt. Doch es müsste jetzt wohl bald die Sonne aufgehen, dachte ich mir, und dann würde es im Auto sehr heiß werden. Ehe ich also einen Hitzschlag riskierte, wollte ich dann doch lieber in mein Zimmer. Schließlich hatte ich es für heute vorbestellt, wenn auch nicht ausdrücklich zu so früher Stunde.

Ich stieg also aus und klingelte. Es dauerte eine Weile, bis sich nach mehrfachem Läuten im Haus etwas zu rühren schien. Ich wurde von drinnen auf englisch nach meinem Anliegen gefragt und stellte mich kurz als der für heute angemeldete Gast Bernd König vor. Daraufhin wurde hinter der Tür mit einem Schlüssel geklappert. Als sie aufging, stand ein etwas mürrisch und verschlafen dreinblickender älterer Herr vor mir, eher dürr als schlank, von europäischem Aussehen und in ein weißes Nachthemd gekleidet. Ich hatte ihn offensichtlich aus dem Bett geklingelt und entschuldigte mich daher als erstes für diese frühe Störung. Er wurde daraufhin gleich freundlicher und meinte "Na ja, so früh haben wir Sie tatsächlich nicht erwartet, aber wir helfen Ihnen, jetzt schnell das Gepäck hereinzutragen, und danach können wir denn alle erst noch mal wieder ins Bett gehen." Bei diesen Worten hörte ich schlurfende Schritte und ein sonores Gähnen im Flur hinter ihm. Was ich dann im nächsten Moment zu sehen bekam, fegte meine eigene bleierne Müdigkeit so blitzartig hinweg als hätte es sie nie gegeben.

Ein Mann im Alter von etwa 25 - 30 trat ins Licht, dessen bloßer Anblick mein Herz zum Klopfen brachte. Seine glatten schwarzen Haare, die (leicht dunkle) Hautfarbe und seine ganze Erscheinung sprachen für einen indischen Einschlag, wobei mich seine Gesichtszüge aber auch sehr an polynesische Männer erinnerten, deren Schönheit mich schon seit langem faszinierte. Die in Fidschi sehr große indische Volksgruppe haben übrigens die englischen Kolonialherren im 19. Jahrhundert für die Arbeit auf ihren Plantagen ins Land geholt. Zwischen diesen Indern und der eingeborenen melanesisch-polynesischen Bevölkerung hat es vor allem in der jüngeren Vergangenheit beträchtliche politische Spannungen gegeben. So wäre er, sollte meine Vermutung richtig sein, wohl ein eher seltenes (aber ausgesprochen gelungenes) Ergebnis der Vermischung zwischen Urbevölkerung und ehemaligen "Gastarbeitern". Doch in jenem Augenblick dachte ich kaum über so etwas nach, sondern bestaunte nur seine schönen großen Kulleraugen und die breiten Lippen seines herrlichen Kussmundes.

Ein Strom innerer Wärme stieg in mir auf, als er mir die Hand gab. (Seither kann ich die Bezeichnung "warmer Bruder" für mich irgendwie nachvollziehen.) Ich war froh, dass noch Dämmerung herrschte und er deswegen nicht mein Erröten bemerkte. Mir war schätzungsweise ungefähr so zumute wie einem Schulmädchen in der Autogrammstunde ihrer Lieblings-Boygroup mit ihrem ganz speziellen Schwarm. Dabei war er, auf den alle meine Sinne so heftig ansprangen, mir ja gerade erst begegnet. Doch er war halt ganz der Typ Mann meiner heißesten Träume - sein Gesicht, sein muskulöser Oberkörper, der in einem löchrigen, hellen Baumwoll-T-Shirt steckte, seine kräftigen Arme und die strammen, mit einem schwarzen Haarflaum geschmückten Schenkel brachten mit ihrer geballten Erotik meinen Hormonhaushalt ganz schön durcheinander. Ganz zu schweigen von dem, was sich in seinen verwaschenen Boxershorts abzeichnete. Am liebsten hätte ich ihn auf der Stelle geküsst, denn in sein schönes Gesicht hatte ich mich sofort verliebt. Dieser Schönheit tat auch jene strichförmige Narbe quer über die Wange keinen Abbruch, die ich erst jetzt bemerkte. Sie ähnelte einem "Schmiss", wie er hierzulande als eine Art Mannbarkeitsritus in fechtenden Studentenverbindungen vorkam. (Ich habe ihn natürlich nie danach gefragt.) Ja, nur zu gern hätte ich diesem Traummann T-Shirt und Shorts, beides ohnehin löchrig und fadenscheinig, heruntergerissen und ihn einfach am ganzen Körper abgeknutscht.

Seine Aufforderung, den Kofferraum des Mietwagens zu öffnen, damit wir das Gepäck hereintragen können, holte mich wieder in die Realität zurück - zumindest den größten Teil von mir. Nur ein gewisser Körperteil, in den gerade eben einfach zu schnell zu viel Blut hereingeschossen war, wollte sich rein gar nicht mit den Realitäten abfinden. Des langen Flugtages wegen hatte ich ihm ja notgedrungen schon seit viel zu vielen Stunden die gewohnte Aufmerksamkeit verweigert. Jetzt rächte er sich dafür, indem er mir das Gehen und Tragen nicht gerade leicht machte. Zum Glück wurde mir das eigentliche Kofferschleppen ja abgenommen, so dass ich nur mit der Bordtasche hinterherlaufen musste. Die beiden werden sich höchstens gewundert haben, weshalb ich mir die Tasche so merkwürdig vor den Bauch hielt.

Im Zimmer angekommen, bedankte ich mich herzlich bei ihnen und wünschte auch gleich eine gute Nacht. Ich war dann wenig begeistert, als sie mit mir noch ein zweites Mal zum Auto wollten, um auch die restlichen Taschen hereinzuholen. (Es handelte sich um Snacks und Getränke, die ich am Flughafen zur ersten Versorgung gekauft hatte, weil dem Hotel ein Restaurant fehlte, wie ich schon vorab wusste.) Meiner Einlassung, die könne ich auch noch später holen, setzten sie mit Bestimmtheit entgegen, dass Autos nur leergeräumt auf dem Hotelparkplatz abgestellt werden dürfen. Ich musste mich fügen. Als ich dann endlich meine viel zu eng gewordene Hose ablegen konnte, schien schon der erste Sonnenstrahl ins Zimmer. Aber der Sonnenaufgang hatte nun wirklich keine Schuld daran, dass ich noch lange nicht einschlafen konnte.

Im Pool

Es siegte dann aber doch die Müdigkeit - bis etwa gegen 14 Uhr. Danach sah mich erst einmal auf dem Hotelgrundstück um. IHN konnte ich nirgendwo entdecken. Zwar lockte mich der kleine Swimmingpool des Hotels sehr - doch erst einmal erkundete ich mit dem Auto noch die nähere Umgebung, ging essen und vervollständigte meine Einkäufe. Dann aber zog es mich zum Hotel zurück, rein in die Badehose und ab in den Pool. Das war eine herrliche Erfrischung nach der Fahrt im aufgeheizten Auto über staubige Landsträßchen. Ich drehte Runde um Runde, planschte ausgelassen im kühlen Nass und genoss es, den Pool stundenlang für mich allein zu haben.

Jedenfalls bis ich wieder herauswollte. Jetzt erst vermisste ich eine Leiter, wie sie üblicherweise bei Swimmingpools zum Ein- und Ausstieg vorhanden ist. Vor allem für letzteres ist eine solche Vorrichtung ja ganz nützlich. Sollte sich das bis Nandi noch nicht herumgesprochen haben? Ob ich auch ohne herauskäme? Ich probierte es von der flachsten Stelle aus und zog und stemmte mich dann auch ein Stück weit über den Rand des Pools hoch - doch dann rutschte mein nasser Körper an der nassen Poolkante entlang, dem Gesetz der Schwerkraft folgend, wieder zurück ins feuchte Element. Zugegeben, ich bin nicht sehr sportlich und auch ein bisschen zu schwer für meine eher mäßige Körpergröße. Aber ich bin ausdauernd und nicht so leicht kleinzukriegen. So probierte ich es gleich wieder - und dann noch einmal und noch einmal ...



Links am Hangfuß liegt der Pool

Links am Hangfuß liegt der Pool



Pool ohne Ausstieg

Pool ohne Ausstieg

Ich war schon leicht in Panik geraten, als ich mir eine kleine Ruhepause verordnete, um erst einmal wieder meine Kräfte zu sammeln. Ich sah in die Runde, soweit das vom Pool aus möglich war. Über mir stieg der Hügel steil an, auf dem das kleine Hotel thronte. Von dort oben hatte man einen schönen Blick über den Garten mitsamt dem Pool sowie ein Stück weit in die Landschaft mit ihren Zuckerrohrfeldern. Hier unten in der Senke am Abhang des Hügels bot sich aber nur ein begrenzter Blick in den Hotelgarten. Und in diesem begrenzten Blickfeld war seit mehr als einer Stunde kein Mensch mehr aufgetaucht.

Nun ja, wenigstens schien ja noch die Sonne - oder? Wieder stieg plötzlich ein inneres Kribbeln in mir auf. Aber - anders als ungefähr 12 Stunden zuvor bei meiner Ankunft - war dieses Gefühl weder ein warmes noch überhaupt ein angenehmes. Seit ich im Vorjahr nach einer kleinen Verletzung eine Nacht im Freien über einer steil abstürzenden Blockhalde auf Huahine verbringen musste, wusste ich nur zu gut, wie schnell in den Tropen die Nacht hereinbricht. Und es war auf jeden Fall merklich heller gewesen, als ich so vor etwa einem guten Viertelstündchen erstmals eine Pool-Leiter zu vermissen begann. Von l e i c h t e r Panik konnte da auf einmal keine Rede mehr sein. Besonders, als ich nach neuerlichen Ausstiegsversuchen einsehen musste, dass die Kräfte, die ich doch eben noch hatte sammeln wollen, eigentlich nicht der Rede wert waren. Zum Schreien um Hilfe reichten sie aber schon, sogar in drei Sprachen - für alle Fälle.

Ich mag etwa zehn Minuten um Hilfe gerufen haben, da tauchte ER am oberen Rand meines Blickfeldes auf. Von nun an spielten meine Gefühle Achterbahn. Vor allem war ich überglücklich, dass mich überhaupt jemand gehört hat und mir zur Hilfe kam. Dann darüber, dass ich IHN wiedersah. Aber musste ausgerechnet ER mich in einer so misslichen, hilflosen Lage vorfinden? Nein, wie war mir das peinlich! Wohl noch nie im Leben hatte ich mich meiner Unsportlichkeit dermaßen geschämt. Und wie schön er war - in heller Turnhose und schneeweißem Muskelshirt! Mein Herz klopfte wie wild, als er barfuß mit seinen herrlichen braunen muskulösen behaarten Beinen am Beckenrand vor mir stand. An diesen wundervollen Männerbeinen entlang konnte ich ihm bis in den Schritt sehen. Daher hatte ich es auch urplötzlich nicht mehr ganz so eilig, aus dieser Situation herauszukommen. Ich blickte in sein schönes, freundlich lächelndes Gesicht, dann wieder woanders hin, plauderte mit ihm und gab vor, nach den vielen vergeblichen Versuchen erst einmal Kräfte sammeln zu müssen.

Schließlich musste ich mich doch von dem prächtigen Ausblick entlang seiner Beine losreißen, streckte ihm die Hände entgegen und war mit seiner Hilfe im Nu aus dem Wasser. Ich bedankte mich mit einer stürmischen Umarmung bei ihm. Nur, ihn zu küssen war ich nicht mutig genug. Aber sonst genoss ich es sehr. Am liebsten hätte mich gleich noch einmal von ihm retten lassen - ja, am besten gleich noch ein Dutzend mal. Aber das ging ja nicht (und wäre wohl auch zu auffällig gewesen).

Barabend mit Kathedralen

Auf dem Weg zu meinem Zimmer stellte er, wohl eine Art Junior-Manager, mich noch seinen Chefs vor, zwei netten älteren Herren aus Australien. (Möglicherweise ein schwules Paar, dachte ich so bei mir.) Den einen kannte ich schon - er hatte mir in der Nacht geöffnet. Der andere versprach mir sofort, dass gleich morgen die entrostete und frisch verzinkte Leiter des Pools wieder angebaut würde.

Ich machte mir auf meinem Zimmer ein kleines Abendbrot zurecht und zog mich an. Den Abend wollte ich nämlich in der Hotelbar verbringen in der vagen Hoffnung, dort wieder meinem Traumprinzen zu begegnen und ihm irgendwie näherzukommen. Voller Erwartung und mit klopfendem Herzen betrat ich die Bar. Dort stand er tatsächlich hinter der Theke, zusammen mit einem seiner Chefs. Der war gerade mit Gästen im Gespräch, während bei meinem Schwarm noch alle Plätze frei waren. Oh Gott, welche Gelegenheit! Im Nu saß ich dem Angebeteten gegenüber, lächelte ihn an - und brachte vor lauter Aufregung zunächst kein Wort heraus.

Was ich denn trinken wolle, fragte er. Dabei lächelte er mich mit seinen braunen Kulleraugen an, dass mir ganz warm ums Herz wurde. "Eine Cola", brachte ich schließlich hervor. Er reichte sie mir und setzte sich dann zu mir: Dort, wo ich ihn beim Hereinkommen erspäht und dann gleich Platz genommen hatte, gab es einen breiten Durchgang hinter die Theke. Er stellte sich einen Barhocker in diesen Durchgang und holte sein Getränk her. So saß er mir nun aufregend nahe gegenüber.

Ob ich zum ersten Male auf den Fidschi-Inseln sei, begann er das Gespräch. Als ich bejahte, holte er mir David Stanley´s Fidschi-Handbuch, das er mir wärmstens empfahl - und staunte nicht schlecht, dass ich das schon kannte und es das sogar auf deutsch gab. Er war offensichtlich froh, sich damit von einer von ihm empfundenen Verpflichtung befreit zu sehen, mir touristische Ratschläge geben zu müssen. Viel lieber wollte er von mir Reiseberichte aus der großen weiten Welt hören. Nicht verwunderlich in einem der letzten Länder der Erde, in denen es noch kein Fernsehen gab. Und fremde Länder faszinierten ihn offenbar genauso wie mich.

So fing ich an, ein wenig von Tahiti und Hawaii zu erzählen, von meiner Reise um die Welt, von den Gegenden der USA, die ich schon hatte besuchen können. Ich erzählte frisch drauflos, ging aber auch gern auf seine Fragen ein und versuchte herauszufinden, was ihn wohl am ehesten interessieren könnte. Na klar - Europa. Das war ja auch am weitesten weg. Da schwärmte ich von den Fjorden Norwegens, der Mitternachtssonne am Nordkap, von Wasserfällen, klaren Bergseen und Stabkirchen. Beim letzten Punkt horchte er auf - die Stabkirchen musste ich ihm näher beschreiben. Ich gab mir Mühe, konnte ihm meine Begeisterung aber wohl nur unvollkommen vermitteln.

Ob ich dann schon mal in England gewesen sei, unterbrach er mich. Ja ein paar mal, meist in Verbindung mit Fachtagungen. Ich erzählte von der schönen englischen und schottischen Landschaft, von Gärten und Parks und meinen Erfahrungen mit Bed & Breakfast: Zum Beispiel gestern nacht in einem winzigen Arbeiter-Reihenhäuschen am Stadtrand, heute in einer hochherrschaftlichen Villa und morgen vielleicht in einem abgelegenen Bauernhaus mit Plumpsklo im Hof. - Ja, aber ob ich dann schon mal in York gewesen sei, will er wissen. - Ja. - In der Kathedrale, dem berühmten Minster von York? - Ja; die ist wirklich sehr eindrucksvoll, meine ich. Nun fängt er an zu erzählen - und beschreibt sie mir mit wachsender Begeisterung und derart plastisch, dass ich alles wieder lebhaft vor mir sehe. Dabei kennt er sie nur aus einem Buch. Oh, wie gern würde er einmal nach England reisen, um dessen schönste Kathedralen mit eigenen Augen zu sehen.

Sein Chef mahnte ihn, sich auch um die anderen Gäste zu kümmern. Außer der kleinen Gruppe an der Theke, die er selbst versorgte, waren das aber nicht viele. Sie saßen zu zweit oder zu dritt an den Tischen, waren selbst in Gespräche vertieft und ganz damit zufrieden, in größeren Abständen mit frischen Getränken bedient zu werden. So hatte mein Traumprinz nicht sehr viel zu tun, sondern musste nur ab und an einmal unser Gespräch wegen einer Bestellung kurz unterbrechen.

Bei jeder Rückkehr rückte er mit seinem Barhocker ein Stückchen näher an mich heran und blies mir dann seinen Atem ins Gesicht. Was mir aber alles andere als unangenehm war! Erst recht, als er mich berührte - zuerst (bei seinen gelegentlichen Zwischenfragen) ganz leicht am Arm, dann immer merklicher, später (während seiner eigenen Ausführungen über Kathedralen) schließlich auch am Oberschenkel. (Ja, mach, fass mich an, wo du willst! - dachte ich.) Bei jeder Berührung ermutigte ich ihn mit einem ganz besonderen Lächeln. Ganz zaghaft fing dann auch ich an, seine gelegentlichen Berührungen zu erwidern. Da hatten wir inzwischen schon gemeinsam die Kathedralen von Winchester und Canterbury durchwandert und so manche andere, die auch mir nur aus der Literatur bekannt war.

Zunehmend breitete sich eine wohlig-warme Spannung in mir aus - und, erst ganz schüchtern, dann immer heftiger, auch eine ungeheure Hoffnung: Sollte es ihm genauso ergehen wie mir? Wie er auf mich reagierte, mich anstrahlte, geradezu an meinen Lippen hing (wenn er mich mal wieder reden ließ) und mir immer näher rückte, mich immer stärker berührte - das alles musste doch wohl (hoffentlich!) etwas zu bedeuten haben. Wir hatten mittlerweile unter meiner Führung den Ärmelkanal überquert, die gegenseitigen Berührungen wurden immer intensiver und ich geriet in eine euphorische Stimmung, als hätte ich schon mehrere Gläser guten französischen Rotweins genossen (was für gewöhnlich auch meine Erzählfreude merklich ansteigen lässt). Dabei war ich den ganzen Abend bei Cola geblieben.

War es nun in der Kathedrale von Chartres oder vor der von Reims? Jedenfalls hatte er gerade den vorletzten Gast bedient, war wieder zu mir zurückgekommen und noch einmal mit seinem Barhocker ein Stückchen nähergerückt - näher ging es nun wirklich nicht mehr, denn unsere Nasenspitzen berührten sich fast. Da, gotisches Maßwerk im Rücken, sah er mir tief in die Augen, seufzte und sagte leise, aber mit männlich-tiefer und zugleich wunderbar samtener Stimme "Bernd, wenn du heute nacht nicht allein schlafen willst, brauchst du es auch nicht."

In diesem Moment strebte das Maßwerk in seinem Rücken in die Höhe, eine gigantische gotische Kathedrale wölbte sich über dem kleinen Hotel am Rande von Nandi, überspannte das Städtchen, den internationalen Flughafen gleich mit, ja halb Viti Levu - und wir beide saßen vor dem Hochaltar und schauten uns tief in die Augen. Links hinter uns, wo sich gerade noch der kleine Hügel zum Swimmingpool herabgesenkt hatte, wuchs in dieser Sekunde eine riesige Empore empor, die sich blitzartig mit einem tausendköpfigen Chor füllte, der auf der Stelle das "Hallelujah" aus Händels "Messias" intonierte: "!Hallllelujah - !Hallllelujah - Halleeeelujah!!! ...". Mit solcher Macht und Lautstärke, dass man es wahrscheinlich noch in Suva hören musste. (Auch in der Heilig-Herz-Kathedrale, nehme ich an.)

Aber beschwert hat sich nur der letzte verbliebene Gast an der Bar. Mein Traumprinz sprang auf und erledigte dessen letzte Bestellung. Was blieb ihm auch anderes übrig - hatte sich sein Chef doch schon vor gut einer Stunde zur Nachtruhe verabschiedet. Sicher in der Hoffnung, in dieser Nacht ungestört ausschlafen zu können - ohne allzu frühe Gäste. Ich konnte das Verschwinden dieses letzten Barbesuchers kaum erwarten. Sah ich in ihm doch das letzte ernsthafte Hindernis, durch einen der aufregendsten Männer der Welt endlich meine Unschuld zu verlieren. Dann müssten wir nur noch den langen Korridor überwinden, an dessen Ende ich das Schlafzimmer meines Traumprinzen vermutete. Nein, das ist mir zu weit: ich werde ihn in mein Bett bitten. Das ist mindestens 20 Meter näher dran! Oh Gott, hoffentlich hat dieser Mensch bald sein Kleingeld zusammengekramt und meinem Schnuckel das letzte Bier bezahlt! Diese Verzögerung ist ja nicht zum Aushalten! Andererseits: Schon in wenigen Minuten werden mein Lover und ich uns gegenseitig die Klamotten vom Leibe reißen und uns nackt in den Armen liegen!

Bei diesem Gedanken wechselte der riesige Chor hinter mir auf der Empore sein Programm und sang, nein, schrie, ja, brüllte in einem unvorstellbaren Crescendo, aber dabei in höchster himmlischer Harmonie "Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium ..." Während der Gast sich verzog und ER wieder zu mir zurückkam, hetzte der Chor rasend schnell durch das Finale der Neunten.

Gerade war er beim ersten "Seid umschlungen, Millionen" angelangt, da wandte ER sich wieder zu mir, diesmal in einem ganz anderen Tonfall, eher nüchtern und ein wenig geschäftsmäßig, während der riesige Chor ganz leise wurde:

"Also, wie gesagt, wenn du heute nacht nicht allein schlafen willst, ist das gar kein Problem: Ich geh´nur mal eben ans Telefon, telefonier´ ein bisschen rum, und schon kommen die chicks - äh, Weiber - her, ganz wie du willst: große Titten, kleine, musst du nur sagen, alles kein Problem." Schlagartig war der Chor verschwunden, die Kathedrale, die Musik, die euphorische Stimmung, einfach alles. Mir wurde schlecht. Mir drehte sich der Magen um; ich bekam wahnsinnige Bauchschmerzen. (Ob ich wohl zu viel Cola getrunken hatte?)

Wie ich dann in mein Zimmer und mein Bett gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Nur eines weiß ich: es gibt keine Kathedralen bei Nandi.





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