Abgrenzung - Zusammenarbeit:
VLSP-Tagung in Hannover



Von Bernd König

(Aus: Mimikry 16 (2) 7 (2001))

Unter dem Thema "Abgrenzung - Zusammenarbeit - Wo geht es hin?" fand am letzten Märzwochenende an der Universität Hannover die VIII. Fachtagung des VLSP statt - unter Kooperation und starker Beteiligung der landesweiten und auch einzelner örtlicher schwul-lesbischer Organisationen von Niedersachsen bzw. Hannover, darunter auch dem HOME. Der VLSP ist der Verband lesbischer Psychologinnen und schwuler Psychologen, so dass hier die diesmal zum Schwerpunkt-Thema gewählte lesbisch-schwule Zusammenarbeit schon von vornherein gegeben ist - genau wie auch beim HOME. Dabei wurde die Themen-Vielfalt dieser Fachtagung nicht nur von Fachpsychologen, sondern auch von Fachleuten angrenzender Disziplinen wie etwa Sozialarbeitern und Soziologen dargeboten. Schließlich handelte es sich zumeist auch weniger um fachspezifische Themen, sondern um solche von allgemeinem Interesse für die schwul-lesbische Welt. Daher wagte auch ich als Nicht-Fachmann die Teilnahme und zog schließlich für mich das Fazit "Es hat sich gelohnt".

So hörte ich mit großem Interesse Christina Schenk´s (MdB, PDS) Referat, in dem sie klarer und zugleich konzilianter als bei dem Bundeselterntreffen drei Wochen zuvor in Berlin ihre Position zum Lebenspartnerschaftsgesetz darlegte und begründete. Obwohl ich ihre politische Position nicht teile, vermochte ich ihren klug argumentierenden Vortrag über ihren "emanzipatorischen" versus den "Bürgerrechts-Ansatz" (des LSVD) durchaus vom Verständnis her nachzuvollziehen. Dies umso mehr als sie die Legitimität der Bürgerrechtsposition ausdrücklich anerkannte und sich insofern wohltuend von den Ergüssen des selbsternannten "neuen WhK" abhob. Hans-Hengelein, in seiner Funktion als Schwulenreferent des Landes Niedersachsen zugleich Ko-Organisator und Ko-Finanzier der Tagung, schloss daran seinen Vortrag an: "Fallen die letzten Berufsverbote für Lesben und Schwule? - Psychologie / Psychotherapie zwischen staatlicher Antidiskriminierungspolitik und Richtlinien der Institute." Unter Laien wenig bekannt, haben ja neben den MitarbeiterInnen der Kirchen wohl nur noch Psychologen massive Probleme im Beruf, wenn sie lesbisch oder schwul sind. Aber immerhin konnten die TeilnehmerInnen der Tagung auch ein erstes lesbisches Vorstandsmitglied eines großen psychoanalytischen Institutes begrüßen.

Am Samstag teilte sich dann der Kongress viermal in bis zu 6 parallele Workshops, unter deren Themen sich neben enger Fachspezifischem auch sehr viele Themen von allgemeinem Interesse fanden. Für mich begann der Tag mit dem Thema "Judentum und Homosexualität" unter der Leitung der Berliner Judaistin und Familientherapeutin Dr. Rachel Herweg. Sie legte dar, dass sich das Jüdischsein anders als etwa das Christentum nicht so sehr aus einem Glaubensbekenntnis heraus definiert, sondern in der Beachtung von Traditionen in der Lebensweise - Traditionen, die zum Teil bis ins Detail schriftlich fixiert sind, andererseits aber auch einer Interpretation bedürfen oder zumindest zugänglich sind. Gleichgeschlechtliche Liebe aber wird von dieser Tradition schlicht ignoriert. Somit haben jüdische Homosexuelle mit anders gearteten Schwierigkeiten zu kämpfen, wenn sie ihren Weg gehen, als Menschen mit christlichem Hintergrund: Sie müssen sich nicht die Frage stellen "Glaube ich?", sondern "Lebe ich so, wie ein Jude leben sollte?".

Michael Steinbrecher von der Hannöverschen AIDS-Hilfe präsentierte in der Hauptsache das Thema "Kommunikation unter Männern, die Sex mit Männern haben". Insbesondere ging es dabei um solche Männer, die sich selbst gar nicht als schwul verstehen und deswegen nur schwer von den szeneorientierten Präventionskampagnen erreicht werden, aber auch um schwule Männer aus der soziologisch definierten Unterschicht, die sich von eher mittelstands-geprägten Institutionen wie den AIDS-Hilfen weniger angesprochen und verstanden fühlen. Daher müsse man die Präventionsbotschaften der AIDS-Hilfe direkt an jene Orte tragen, wo der Sex unter Männern stattfindet, wie Saunen, Parks, "Bullenwiese" etc. Wie man das macht und was man dabei erleben kann, schilderte Michael sehr charmant und bisweilen auch sehr persönlich.

Im Workshop "Integrationsansätze in die allgemeine Beratungslandschaft oder Können Heteros Schwule beraten?" wurde zunächst das Beratungsmodell von Nordrhein-Westfalen vorgestellt, das auf mehreren im Lande verteilten halben Stellen und der Kooperation mit allgemeinen Beratungsstellen basiert. Danach trug ein seit kurzem in den Niederlanden tätiger Deutscher das dortige Modell vor, bei dem lesbische und schwule PsychologInnen nur noch schwerpunktmäßig ihre Heterokollegen schulen, die dann ihrerseits die individuelle Beratungsarbeit vor Ort machen. Das stieß bei den Teilnehmern des Workshops zwar nicht gleich auf helle Empörung, aber doch auf wenig Gegenliebe und viel Skepsis. Nun mag das in den Niederlanden mit ihrer viel weniger ausgeprägten Verfolgungsgeschichte aber auch etwas anders aussehen. Als ich vor ein paar Jahren auch einmal die Beratungsstelle des HOME in Anspruch nahm, hätte ich mir nicht im entferntesten vorstellen können, mich an eine allgemeine, schon gar nicht an eine staatliche Beratungsstelle zu wenden. Von jemandem, der als 14jähriger bewusst noch den NS-Paragrafen wahrnahm und der heute ja immer noch Bürger minderen Rechts ist, darf und wird unser Staat allerdings wohl auch kaum erwarten, dass er seinen Beratungseinrichtungen Vertrauen entgegenbringt.

Im vierten Workshop, den ich besuchte, redeten dann Lesben und Schwule über Sex - und zwar miteinander! Also quasi nach dem Motto "Was ich als Schwuler/Lesbe schon immer mal über euren lesbischen/schwulen Sex wissen wollte ...". Das wurde dann durchaus nicht so peinlich, wie vielleicht von manch einem/einer zunächst befürchtet - ganz im Gegenteil: es wurde bisweilen ganz lustig und machte sogar Spaß.

Ein Erzählcafé mit einer Lesbe des Jahrgangs 1932 und einem Schwulen des Jahrgangs 1938, ein Auftritt der "Pouschelettes" aus Hannover (ein Ableger von Vox Homana?), die zu fetziger Musik wie etwa "YMCA" puschelten, und schließlich auch die Party in der Schwulen Sau bildeten weitere Höhepunkte dieser gelungenen Tagung.





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